Viele-Welten-Theorie
Eine Interpretation der Quantenmechanik, in der bei jeder Quantenmessung das Universum in parallele Zweige aufspaltet, die alle gleich real sind.
Die Viele-Welten-Interpretation (Many-Worlds Interpretation, MWI) wurde 1957 von Hugh Everett III in seiner Doktorarbeit an der Princeton University vorgeschlagen. Sie bietet eine radikale Lösung für das Messproblem der Quantenmechanik: Statt dass eine Quantenmessung zufällig eines von mehreren möglichen Ergebnissen liefert (wie in der Kopenhagener Deutung), realisieren sich alle möglichen Ergebnisse gleichzeitig. Das Universum spaltet sich in Zweige auf, in denen jeweils ein anderes Ergebnis eingetreten ist.
In dieser Interpretation gibt es keinen Kollaps der Wellenfunktion. Die Schrödinger-Gleichung gilt uneingeschränkt und ohne Ausnahme. Was wie ein Kollaps aussieht, ist lediglich die Perspektive eines Beobachters, der sich in einem bestimmten Zweig befindet und die anderen Zweige nicht wahrnehmen kann. Die Gesamtheit aller Zweige, das Multiversum, enthält jede mögliche Quantengeschichte.
Die Viele-Welten-Theorie vermeidet einige philosophische Probleme der Kopenhagener Deutung (Was genau ist eine Messung? Wann kollabiert die Wellenfunktion?), schafft aber neue: Woher kommt die Wahrscheinlichkeitsstruktur, wenn alle Ergebnisse gleich real sind? Und ist eine Theorie mit unendlich vielen unbeobachtbaren Universen wirklich sparsamer als eine mit einem einzigen? Die Debatte zwischen den Interpretationen der Quantenmechanik ist bis heute nicht entschieden.
Für die Science-Fiction ist die Viele-Welten-Theorie eine Goldgrube. Sie liefert die theoretische Grundlage für Paralleluniversen, in denen die Geschichte anders verlaufen ist. Philip K. Dicks Das Orakel vom Berge (1962), in dem die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, basiert auf dieser Prämisse. Blake Crouchs Dark Matter nutzt die Viele-Welten-Interpretation als physikalische Grundlage für Reisen zwischen Paralleldimensionen. Und Neal Stephensons Anathem erkundet die philosophischen Konsequenzen.
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