Eskapismus in der SF
Eskapismus meint die Flucht aus der Realität in fiktive Welten. In der Science-Fiction ist er zugleich der heimliche Motor des Genres und der häufigste Vorwurf gegen es.
Eskapismus beschreibt das Bedürfnis, dem Alltag, seinen Zwängen und seiner Enge für eine Weile zu entkommen und sich in eine andere Welt hineinzulesen. Kaum ein Genre bedient dieses Bedürfnis so direkt wie die Science-Fiction. Wer ein Raumschiff besteigt, eine Galaxis durchquert oder eine ferne Zukunft betritt, lässt die eigene Gegenwart hinter sich. Genau deshalb begleitet der Vorwurf des Eskapismus die SF seit ihren Pulp-Anfängen in den 1920er und 1930er Jahren. Kritiker warfen den bunten Heftromanen vor, reine Wirklichkeitsflucht zu sein, anspruchsloser Trost für Leser, die der harten Welt entkommen wollten.
J.R.R. Tolkien hat in seinem Essay über das Märchen eine bis heute oft zitierte Verteidigung geliefert. Er fragte, warum man einen Gefangenen verachten sollte, der an Flucht denkt, und warum es ehrenhafter sein solle, im Gefängnis zu hocken und über nichts als Gitterstäbe zu reden. Diese Umdeutung trifft auch die SF. Flucht ist nicht automatisch Verrat an der Realität, sie kann ein Weg sein, die Realität aus der Distanz überhaupt erst klar zu sehen. Eine Reise nach Arrakis in Frank Herberts Dune oder in die Konzernzukunft eines Cyberpunk-Romans lässt den Leser zwar die Gegenwart verlassen, führt ihn aber oft zu schärferen Fragen über Macht, Ökologie und Technik, als jeder Gegenwartsroman es könnte.
Gleichzeitig gibt es einen produktiven Streit innerhalb des Genres. Die sogenannte harte SF und die sozialkritische SF verstehen sich ausdrücklich als Gegenentwurf zur reinen Wunscherfüllung. Autoren wie Ursula K. Le Guin oder die Strugatzki-Brüder nutzten fremde Welten, um die eigene Gesellschaft zu sezieren, nicht um vor ihr zu fliehen. Andererseits feiert die Space Opera die große Geste, das Abenteuer und das Staunen ganz bewusst. Beide Pole gehören zusammen. Die Frage ist selten, ob ein Werk eskapistisch ist, sondern was es mit dem Fluchtimpuls anstellt.
In der dystopischen Tradition kippt der Eskapismus manchmal sogar ins Gegenteil. Wer eine düstere Zukunft liest, flieht nicht in eine schönere Welt, sondern konfrontiert sich freiwillig mit einer schlimmeren. Dieser dunkle Eskapismus dient als Probebühne für Ängste, die in der Realität zu groß sind, um sie direkt anzuschauen. Klimakatastrophe, Überwachung und Zusammenbruch lassen sich in der Fiktion durchdenken, ohne dass man selbst betroffen ist. So wird die Flucht zum Werkzeug der Auseinandersetzung.
Heute ist der Begriff weniger Schimpfwort als früher. Die SF hat sich kulturell etabliert, ihre besten Werke gelten als ernsthafte Literatur, und die Forschung erkennt an, dass Vergnügen und Erkenntnis sich nicht ausschließen. Der Eskapismus bleibt ein Antrieb des Genres, aber er ist nur die Tür. Was hinter ihr liegt, entscheidet über den Wert eines Werks.
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