Konzept

Kognitive Entfremdung

Kognitive Entfremdung, im Original cognitive estrangement, ist Darko Suvins berühmte Definition dessen, was Science-Fiction von anderer Literatur abhebt. Sie verbindet rationale Erkenntnis mit der Verfremdung des Vertrauten.

Der Begriff stammt vom Literaturwissenschaftler Darko Suvin, der ihn 1979 in seinem einflussreichen Buch Metamorphoses of Science Fiction prägte. Suvin suchte nach einer präzisen Bestimmung dessen, was Science-Fiction als Genre auszeichnet, jenseits von Raumschiffen und Robotern. Seine Antwort lautete: cognitive estrangement, also kognitive Entfremdung. Die SF nimmt etwas Vertrautes, verschiebt es und macht es dadurch fremd, aber sie tut dies auf eine Weise, die dem Verstand zugänglich bleibt und nicht ins reine Wunder abgleitet.

Das Wort Entfremdung übernahm Suvin aus der Literaturtheorie, etwa von den russischen Formalisten und von Bertolt Brechts Verfremdungseffekt. Die Idee ist, dass Kunst das Gewohnte ungewohnt macht, damit wir es überhaupt wieder bewusst wahrnehmen. Der Zusatz kognitiv ist Suvins eigentlicher Clou. Er grenzt damit die SF von der Fantasy ab. Beide entfremden, beide entwerfen andere Welten. Aber die Fantasy arbeitet mit dem Übernatürlichen, das sich der rationalen Erklärung entzieht, während die SF ihre Verfremdung in einem Rahmen ansiedelt, der wissenschaftlich-logisch nachvollziehbar bleibt.

Zentral ist dabei Suvins zweites Schlüsselwort, das Novum. Das Novum ist das neue Element, die Erfindung, die fremde Welt oder die andere Gesellschaft, die ein Werk von unserer Realität trennt. Es leitet sich vom lateinischen Wort für das Neue ab, und Suvin entlehnte den Gedanken dem Philosophen Ernst Bloch. Das Novum erzeugt die Entfremdung, und die kognitive Logik sorgt dafür, dass diese Entfremdung uns zum Nachdenken über unsere eigene Welt zwingt, statt uns nur zu verzaubern. Ein Generationenraumschiff, eine Begegnung mit Außerirdischen oder eine veränderte Gesellschaftsordnung sind solche Nova.

Suvins Theorie war prägend und umstritten zugleich. Sie verlieh der SF-Forschung erstmals ein scharfes begriffliches Werkzeug und hob das Genre auf eine ernsthafte akademische Ebene. Kritiker wandten allerdings ein, dass die strenge Trennung von SF und Fantasy in der Praxis kaum haltbar ist, da viele Werke beides mischen. Auch erschien manchen der Anspruch auf strenge Kognition zu eng, weil er Space Opera und Pulp abwertet, die mit Wissenschaft eher locker umgehen.

Trotz dieser Einwände bleibt cognitive estrangement der vielleicht meistdiskutierte Begriff der SF-Theorie. Er erklärt, warum gute Science-Fiction nicht nur unterhält, sondern den Blick auf die Gegenwart schärft. Indem sie das Vertraute durch ein vernünftig gedachtes Novum verfremdet, lädt sie den Leser ein, die eigene Welt mit den Augen eines Fremden zu sehen und ihre scheinbare Selbstverständlichkeit zu hinterfragen. Genau darin liegt nach Suvin die besondere erkenntnisstiftende Kraft des Genres.