Erinnerungsmanipulation
Erinnerungsmanipulation meint das gezielte Löschen, Einpflanzen oder Umschreiben von Erinnerungen. In der SF ist sie ein klassisches Plot- und Kontrollmotiv, oft an der Grenze von Cyberpunk und Psychothriller.
Erinnerungen sind das Fundament unserer Identität. Wer wir sind, ergibt sich aus dem, was wir erlebt zu haben glauben. Genau deshalb ist der Gedanke, dass jemand dieses Fundament manipulieren könnte, eines der unheimlichsten Motive der Science-Fiction. Erinnerungsmanipulation umfasst drei Spielarten: das Löschen von Erinnerungen, das Einpflanzen falscher Erinnerungen und das Umschreiben bestehender. Jede davon greift den Kern dessen an, was einen Menschen ausmacht.
Der Pionier dieses Motivs ist Philip K. Dick. Seine Kurzgeschichte über einen Mann, der sich eine Marsreise als Erinnerung kaufen will und dabei feststellt, dass mit seinem Kopf etwas nicht stimmt, wurde unter dem Titel Total Recall verfilmt und prägte das Bild der käuflichen Erinnerung. Dick interessierte sich zeitlebens für die Frage, was real ist und wie verlässlich unsere Wahrnehmung der eigenen Vergangenheit überhaupt sein kann. Auch in Blade Runner, nach Dicks Roman, spielen eingepflanzte Erinnerungen eine zentrale Rolle, sie sollen künstlichen Wesen ein Gefühl von Menschlichkeit verleihen.
Im Cyberpunk wird die Erinnerung zur Ware und zum Angriffsziel. Wenn Bewusstsein und Gedächtnis als Daten begriffen werden, lassen sie sich kopieren, beschneiden und fälschen. Konzerne, Geheimdienste und Kriminelle nutzen das, um Zeugen verstummen zu lassen, Loyalität zu erzwingen oder Identitäten zu stehlen. Der Film Vergiss mein nicht verlegt das Motiv ins Intime und fragt, ob man die Erinnerung an eine schmerzhafte Liebe gezielt löschen sollte und was dabei verloren geht. Die Serie Westworld und der Film Inception spielen weitere Varianten durch, vom umgeschriebenen Lebenslauf bis zum eingepflanzten Gedanken.
Das Motiv lebt von einer grundlegenden Verunsicherung. Wenn meine Erinnerungen manipuliert sein können, wie kann ich dann irgendeiner Erinnerung trauen, auch der an die vermeintliche Manipulation? Diese Spirale macht den Stoff so reizvoll für Thriller und so verstörend für den Leser. Sie verbindet sich mit Fragen nach Kontrolle und Macht, denn wer die Erinnerung eines Menschen formt, formt seine ganze Wirklichkeit.
Der reale Hintergrund ist erstaunlich. Die Gedächtnisforschung hat gezeigt, dass Erinnerungen keine festen Aufnahmen sind, sondern bei jedem Abruf neu zusammengesetzt werden. Die Psychologin Elizabeth Loftus wies nach, dass sich falsche Erinnerungen durch geschickte Suggestion tatsächlich einpflanzen lassen, ein Befund mit großer Bedeutung etwa für Zeugenaussagen. Echtes gezieltes Löschen einzelner Erinnerungen bleibt zwar Fiktion, doch die Grundeinsicht, dass unser Gedächtnis formbar und unzuverlässig ist, gibt dem SF-Motiv ein beunruhigend reales Fundament.
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