Frage

Gibt es Paralleluniversen?

Die Quantenphysik sagt: vielleicht.

Die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik geht auf den Physiker Hugh Everett III zurück, der sie 1957 als Doktorarbeit an der Princeton University formulierte. Die Idee: Bei jeder Quantenmessung spaltet sich das Universum in so viele Zweige, wie es mögliche Ergebnisse gibt. Alle Möglichkeiten werden realisiert, aber jeder Beobachter erlebt nur einen Zweig. Es gibt keinen Kollaps der Wellenfunktion, sondern eine Aufspaltung der Realität.

Mathematisch ist die Interpretation konsistent und wird von einigen prominenten Physikern (darunter Sean Carroll und David Deutsch) bevorzugt. Aber sie ist nicht experimentell beweisbar, weil die verschiedenen Zweige per Definition nicht miteinander interagieren. Ob parallele Universen existieren, ist eine Frage, die die Physik möglicherweise nie beantworten kann.

In der Science Fiction sind Parallelwelten eines der produktivsten Konzepte überhaupt. Blake Crouchs Dark Matter (2016) zeigt einen Mann, der in eine Version seines Lebens entführt wird, in der er andere Entscheidungen getroffen hat. Terry Pratchett und Stephen Baxters The Long Earth (2012) beschreibt eine unendliche Kette paralleler Erden, die man durchwandern kann. Die TV-Serie Sliders (1995-2000) schickte ihre Protagonisten Woche für Woche in eine neue Parallelwelt. Philip Pullmans His Dark Materials nutzt Paralleluniversen als Fantasy-Element.

Das Konzept berührt eine der ältesten menschlichen Fragen: Was wäre gewesen, wenn? Die Viele-Welten-Interpretation gibt dieser Frage eine physikalische Grundlage, auch wenn diese Grundlage spekulativ bleibt.

Everetts Idee wurde von der Mainstream-Physik jahrzehntelang ignoriert. Sein Doktorvater John Wheeler stand der Idee skeptisch gegenüber. Erst in den 1970ern begann eine neue Generation von Physikern, die Viele-Welten-Interpretation ernst zu nehmen. David Deutsch, der Pionier des Quantencomputers, argumentiert, dass Quantencomputer nur deshalb schneller sind als klassische, weil sie die Berechnung auf parallele Zweige der Wellenfunktion verteilen. Das wäre, wenn Deutsch Recht hat, ein experimenteller Hinweis auf parallele Realitäten.

Die String-Theorie und das kosmologische Standardmodell der ewigen Inflation bieten zusätzliche Rahmen für Multiverse-Konzepte, die aber konzeptuell von Everetts Quantenmultiversum verschieden sind. Max Tegmarks vier Stufen des Multiversums, die unterschiedliche Regionen desselben Universums ebenso umfassen wie mathematisch mögliche Universen, sind die umfassendste Taxonomie dieser Ideen.

Für Leser, die tiefer gehen wollen: Sean Carrolls 'Something Deeply Hidden' (2019) ist die zugänglichste Verteidigung der Viele-Welten-Interpretation, geschrieben von einem führenden Theoretiker. David Deutschs 'The Fabric of Reality' (1997) argumentiert für Everett aus Informatik- und Philosophie-Perspektive. Beide Bücher sind Sachbücher, keine SF, aber sie liefern das Fundament für einen guten Teil der harten SF-Literatur.

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Gibt es Paralleluniversen?. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/gibt-es-paralleluniversen/ (abgerufen am 17.06.2026).

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