Joanna Russ
Amerikanische Autorin und Kritikerin, deren feministische Science Fiction das Genre politisch, formal und sprachlich herausforderte.
Joanna Russ wurde 1937 geboren und starb 2011. Sie war Autorin, Kritikerin, Akademikerin und eine der schärfsten Stimmen feministischer Science Fiction. Ihre Texte verbinden New-Wave-Experiment, politische Analyse und eine oft aggressive Genauigkeit im Umgang mit Geschlechterrollen. 'The Female Man' erschien 1975 und gehört zu den wichtigsten feministischen SF-Romanen des 20. Jahrhunderts.
In 'The Female Man' treffen mehrere Versionen von Frauen aus unterschiedlichen Realitäten aufeinander, darunter Janet aus der Frauenwelt Whileaway und Jael aus einer Geschlechterkriegs-Zukunft. Der Roman arbeitet mit Parallelwelten, Montage, direkter Ansprache und Brüchen im Ton. Er erklärt Gender nicht abstrakt, sondern zeigt, wie radikal anders Identität wirkt, wenn Gesellschaft, Arbeit, Sexualität und Gewalt anders organisiert sind.
Russ schrieb auch 'We Who Are About To...' von 1977, einen bitteren Anti-Kolonisationsroman. Eine Gruppe Gestrandeter will auf einem fremden Planeten sofort die Menschheit neu gründen, während die Erzählerin diesen Fortpflanzungszwang und den patriarchalen Zugriff auf Frauenkörper verweigert. Der Text ist kurz, unbequem und bis heute eine der härtesten Gegenreden zum optimistischen Kolonie-Mythos.
Neben ihrer Prosa war Russ als Kritikerin einflussreich. 'How to Suppress Women's Writing' von 1983 analysiert Mechanismen, mit denen Autorinnen aus Kanons gedrängt werden. In der SF steht Russ für eine Literatur, die Form und Macht zusammendenkt. Sie öffnete Räume für spätere Autorinnen, aber sie machte es dem Genre nie bequem. Genau darin liegt ihre dauerhafte Bedeutung.
Russ war zudem eine präzise Leserin des eigenen Feldes. Ihre Kritik richtete sich nicht nur gegen einzelne sexistische Darstellungen, sondern gegen wiederkehrende Ausschlüsse: Wer gilt als Autorität, welche Themen gelten als universell, welche Bücher werden vergessen? Damit griff sie den Kanon selbst an. In einem Genre, das gern von Befreiung und Zukunft spricht, zeigte sie, wie hartnäckig Gegenwartsmuster in Zukunftsentwürfen überleben.
Ihre Texte sind formal nicht immer bequem. Perspektiven wechseln, Stimmen widersprechen sich, Wut wird nicht geglättet. Das unterscheidet Russ von späterer, stärker marktkompatibler feministischer SF. Sie schrieb in einer Phase, in der der Kampf um Sprache, Körper und Veröffentlichung sichtbar im Text stand. Wer 'The Female Man' heute liest, begegnet nicht nur einer Idee, sondern einer literarischen Intervention.
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Joanna Russ. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/joanna-russ-autorin/ (abgerufen am 05.06.2026).
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