Judas (2026)
Vom BioShock-Erfinder: Die letzten Menschen auf einem Schiff ins Unbekannte.
Ken Levine, der kreative Kopf hinter BioShock, arbeitet mit Ghost Story Games seit über einem Jahrzehnt an diesem First-Person-Shooter. Das Setting: Die Mayflower, ein Generationenschiff, das die letzten Überlebenden der Menschheit zu einer neuen Heimat bringt. Drei Anführer mit radikal unterschiedlichen Philosophien konkurrieren um die Zukunft der verbliebenen Menschheit, und der Spieler muss zwischen ihnen navigieren.
Levines Ambition war von Anfang an ein narratives System, das Entscheidungen dynamischer abbildet als traditionelle Verzweigungsbäume. Die Beziehungen zwischen den Fraktionen sollen sich organisch entwickeln, Allianzen entstehen und zerbrechen, und die Konsequenzen von Spielerentscheidungen das gesamte soziale Gefüge des Schiffs beeinflussen.
Das Generationenschiff-Konzept gehört zu den faszinierendsten Gedankenexperimenten der Science-Fiction: Was passiert mit einer geschlossenen Gesellschaft auf einer Jahrhundertreise? Welche politischen Systeme entstehen? Wie geht man mit Ressourcenknappheit um? BioShock zeigte, wie Ideologien in geschlossenen Systemen scheitern (Rapture = Objektivismus, Columbia = Exzeptionalismus), Judas könnte dasselbe Prinzip auf ein Kolonieschiff übertragen.
Wer das Generationenschiff-Konzept in Buchform sucht, liest Wool (Howey), Aurora (Robinson, der realistischste Generationenschiff-Roman) oder Orphans of the Sky (Heinlein, die Urvorlage).
Das Generationenschiff als geschlossenes soziales System ist eines der faszinierendsten Gedankenexperimente der Science Fiction. Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn sie Jahrzehnte oder Jahrhunderte ohne Kontakt zur Außenwelt reist? Die Antwort in der Literatur ist fast immer: etwas geht schief. In Heinleins Orphans of the Sky haben die Passagiere vergessen, dass sie auf einem Schiff sind, und halten das Schiff für das Universum. In Aurora zeigt Robinson, wie biologische und psychologische Probleme eine Mission zerstören können, die technisch machbar wäre.
Levines BioShock-Spiele haben stets geschlossene Systeme gezeigt, die am eigenen Idealismus scheitern. Rapture wollte die Vernunft befreien, Columbia die amerikanische Auserwähltheit feiern. Judas setzt diese Tradition fort: Auf der Mayflower prallen Philosophien aufeinander, und der geschlossene Raum macht Kompromisse unmöglich. Was in einer offenen Gesellschaft nebeneinander existieren könnte, eskaliert in einem Schiff, aus dem niemand entkommen kann.
Für Leser, die Levines Faszination für Ideologien in geschlossenen Räumen teilen: Brian Aldiss' Non-Stop (1958) ist der literarische Klassiker des Generationenschiff-Chaos. John Varley setzt in The Ophiuchi Hotline eine ähnliche Prämisse um. Alastair Reynolds' Revenger-Trilogie schickt Charaktere auf Reisen durch ein gesunkenes Sonnensystem, das dieselbe Eingeschlossenheit erzeugt wie ein langer Weltraumflug.
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Judas (2026). In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/judas/ (abgerufen am 17.06.2026).