Konzept

Posthumanismus

Philosophische Strömung, die den Menschen als überwindbare Entwicklungsstufe betrachtet. In der Science Fiction die Frage, was nach dem Homo sapiens kommt.

Der Posthumanismus geht davon aus, dass der Mensch in seiner biologischen Form nicht das Ende der Evolution ist. Durch Technologie, genetische Veränderung, Cyborgisierung oder Mind Upload könnte eine neue Form von Wesen entstehen, die den Menschen so weit übertrifft, dass der Begriff Mensch nicht mehr zutrifft. Der Philosoph Nick Bostrom unterscheidet zwischen Transhumanismus (den Menschen verbessern) und Posthumanismus (den Menschen überwinden).

Greg Bears Blood Music (1985) gilt als einer der ersten Romane, der posthumane Transformation beschreibt: Intelligente Zellen übernehmen einen menschlichen Körper und verwandeln ihn in etwas radikal Neues. Vernor Vinges A Fire Upon the Deep (1992) zeigt eine Galaxis, in der verschiedene Zonen unterschiedliche technologische und intellektuelle Entwicklungsstufen erlauben. In den höchsten Zonen existieren posthumane Wesen, die so weit über Menschen stehen, dass Kommunikation kaum noch möglich ist.

Peter Watts' Blindsight (2006) stellt die verstörendste Frage: Was, wenn Bewusstsein gar kein Vorteil ist? Die posthumanen Vampire in Watts' Universum sind intelligenter als Menschen, haben aber Bewusstsein als evolutionären Ballast abgeworfen. Hannu Rajaniemis Jean le Flambeur-Trilogie (ab 2010) spielt in einer vollständig posthumanen Zukunft, in der Identität, Körper und Erinnerung frei konfigurierbar sind.

Die Debatte hat seit dem Aufstieg großer Sprachmodelle (LLMs) an Dringlichkeit gewonnen. Wenn KI-Systeme in immer mehr Bereichen menschliche Fähigkeiten übertreffen, rückt die Frage näher, die die Science Fiction seit Jahrzehnten stellt: Ist der Mensch bereit, seine Sonderstellung aufzugeben?

Der Begriff hat auch eine akademische Tradition außerhalb von Bostroms technikphilosophischer Unterscheidung. Donna Haraway leitete mit ihrem Cyborg-Manifest (1985) eine kritische Spielart des Posthumanismus ein, die den Cyborg als Metapher nutzte, um starre Grenzen zwischen Organismus und Maschine, Natur und Kultur aufzubrechen. N. Katherine Hayles vertiefte diese Linie 1999 in How We Became Posthuman und beschrieb den Posthumanismus nicht als das Ende der Menschheit, sondern als das Ende einer bestimmten, auf Autonomie und Körperlosigkeit fixierten Vorstellung vom Menschen.

Diese beiden Denkrichtungen, Bostroms technikoptimistische Überwindung und Haraways kritische Grenzauflösung, ergänzen sich in der Science Fiction oft, ohne dass die Werke selbst diese Etiketten benutzen. Wenn ein Roman fragt, was von einer Identität übrig bleibt, sobald Körper, Erinnerung und Bewusstsein technisch trennbar werden, verhandelt er im Kern dieselbe Frage, die Hayles akademisch und Bear oder Rajaniemi literarisch aufgeworfen haben.

Aus dem Forum

Diskutiere diesen Begriff mit Lesern und Autoren im BuchKnall-Forum.

Im Forum diskutieren
Diesen Eintrag zitieren

Posthumanismus. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/posthumanismus/ (abgerufen am 25.07.2026).