Technologie

Quantencomputer

Quantenbits verändern die Informatik, die Kryptografie und die Science Fiction. Feynman dachte sie sich aus, Googles Sycamore machte sie messbar.

Feynman, Shor und die theoretischen Grundlagen

Richard Feynman schlug 1982 als Erster vor, Quantensysteme zur Simulation von Quantenphysik zu nutzen. Seine Argumentation war bestechend einfach: Ein klassischer Computer braucht exponentiell mehr Rechenzeit, um das Verhalten von Quantensystemen zu simulieren, je größer das System wird. Ein Computer, der selbst nach den Regeln der Quantenmechanik arbeitet, hätte dieses Problem nicht. David Deutsch formalisierte die Idee 1985 mit dem Konzept einer universellen Quantenturingmaschine.

1994 veränderte Peter Shor das Feld grundlegend. Sein Algorithmus zeigt, dass ein Quantencomputer die Primfaktorzerlegung großer Zahlen in polynomialer Zeit lösen kann. Da moderne Verschlüsselung (RSA, Diffie-Hellman) auf der Schwierigkeit genau dieses Problems basiert, wurde Shors Algorithmus zum Weckruf für die gesamte IT-Sicherheit. Lov Grover ergänzte 1996 einen Suchalgorithmus, der unstrukturierte Datenbanken quadratisch schneller durchsucht als jeder klassische Algorithmus.

Die physikalische Grundlage bilden zwei Phänomene der Quantenmechanik. Superposition erlaubt es einem Qubit, die Zustände 0 und 1 gleichzeitig einzunehmen. Ein Register aus n Qubits kann so 2^n Zustände parallel darstellen. Verschränkung (Entanglement) korreliert Qubits miteinander: Die Messung eines verschränkten Qubits bestimmt sofort den Zustand des Partners, unabhängig von der Entfernung. Diese beiden Eigenschaften zusammen ermöglichen Berechnungen, die auf klassischen Computern praktisch unlösbar sind.

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Sycamore, Condor und der Wettlauf der Giganten

Google verkündete 2019 mit dem Sycamore-Prozessor (53 Qubits) die sogenannte Quantenüberlegenheit: Eine Berechnung, die ein klassischer Supercomputer geschätzt 10.000 Jahre bräuchte, erledigte Sycamore in 200 Sekunden. IBM widersprach der Zeitschätzung und argumentierte, ein optimierter klassischer Algorithmus könnte das Problem in zweieinhalb Tagen lösen. Der Streit zeigte, dass die Definition von Quantenüberlegenheit selbst zum Politikum geworden war.

IBM stellte 2023 den Condor-Prozessor mit über 1.000 Qubits vor und verfolgt eine Roadmap bis zu 100.000 Qubits in den 2030er Jahren. Google konterte 2024 mit dem Willow-Chip und demonstrierte erstmals eine exponentielle Verbesserung der Fehlerkorrektur bei steigender Qubit-Zahl. China hat mit Jiuzhang einen photonischen Quantencomputer entwickelt, der bei bestimmten Aufgaben ebenfalls Quantenüberlegenheit beansprucht.

Die Fehlerkorrektur bleibt das zentrale Problem. Qubits sind extrem empfindlich gegenüber Temperaturschwankungen, elektromagnetischer Strahlung und mechanischen Vibrationen. Supraleitende Qubits (wie bei Google und IBM) müssen auf Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt gekühlt werden, kälter als der Weltraum. Ionenfallen-Quantencomputer (IonQ, Quantinuum) arbeiten mit einzelnen Atomen, die in elektrischen Feldern schweben. Topologische Qubits (Microsoft) sind noch im Forschungsstadium, versprechen aber deutlich stabilere Berechnungen.

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Quantencomputer in der Science Fiction

In der Science Fiction sind Quantencomputer selten eigenständiges Thema, aber als Hintergrundtechnologie allgegenwärtig. Greg Egans Permutation City (1994) simuliert auf Quantencomputern ganze Universen, in denen digitale Kopien von Menschen leben. Egan geht der Frage nach, ob ein simuliertes Universum weniger real ist als das physische, und kommt zu dem verstörenden Schluss, dass die Simulation sich irgendwann von ihrem Substrat löst.

Hannu Rajaniemis Jean le Flambeur-Trilogie (ab 2010, beginnend mit The Quantum Thief) basiert auf einer post-singulären Gesellschaft, deren Technologie durchgehend quantenmechanisch funktioniert. Rajaniemi, selbst promovierter Mathematiker mit Schwerpunkt Quantencomputing, schreibt die technisch präziseste Science Fiction zum Thema. Seine Zoku-Fraktion organisiert sich als Quantenspiel-Gesellschaft, in der soziale Hierarchien durch mathematische Beweise bestimmt werden.

Liu Cixins Trisolaris-Trilogie beschreibt Sophonen: protongroße Quantencomputer, die von den Trisolaranern als Spione zur Erde geschickt werden. Die Sophonen überwachen die Menschheit und sabotieren Teilchenbeschleuniger-Experimente, um den technologischen Fortschritt der Erde zu blockieren. Michael Crichtons Timeline (1999) nutzt einen Quantencomputer als Grundlage für den Transport in parallele Universen. Die physikalische Erklärung im Roman ist stark vereinfacht, aber die Grundidee, dass Quantenmechanik den Zugang zu Paralleluniversen ermöglichen könnte, berührt reale Interpretationsfragen der Quantenphysik.

Charles Stross' Accelerando (2005) zeigt eine Welt, in der Quantencomputer zusammen mit künstlicher Intelligenz die technologische Singularität herbeiführen. Die Rechenkapazität wächst so schnell, dass menschliche Intelligenz zur Fußnote wird.

Q-Day: Wenn Verschlüsselung aufhört zu funktionieren

Kryptografen nennen den Moment, in dem ein Quantencomputer die gängige Verschlüsselung knackt, Q-Day. Das Datum ist unbekannt, aber die Vorbereitungen laufen. Das National Institute of Standards and Technology (NIST) hat 2024 die ersten post-quantum-kryptografischen Standards veröffentlicht: Algorithmen, die auch gegen Quantenangriffe resistent sein sollen. Regierungen und Unternehmen weltweit beginnen, ihre Infrastruktur umzustellen.

Das Problem ist akut, weil Angreifer schon heute verschlüsselte Daten abfangen und speichern können, in der Hoffnung, sie in Zukunft mit einem Quantencomputer zu entschlüsseln. Dieses Szenario heißt 'harvest now, decrypt later' und betrifft besonders langfristig sensible Daten: Staatsgeheimnisse, medizinische Akten, Unternehmensstrategien.

Die SF hat das Thema früh erkannt. Greg Egans Quarantine (1992) spielt in einer Welt, in der die Quantenmechanik die Natur der Realität selbst verändert hat. Neal Stephenson thematisiert in Cryptonomicon (1999) die Verletzlichkeit kryptografischer Systeme und verknüpft moderne Kryptografie mit der Enigma-Entschlüsselung im Zweiten Weltkrieg. Der BuchKnall-Ratgeber Quantencomputer in der Science Fiction geht dem Thema ausführlich nach.

Materialforschung, Medikamente und die echten Versprechen

Das reale Versprechen von Quantencomputern liegt weniger in den dramatischen Szenarien der SF als in konkreten Anwendungen. Die Simulation von Molekülen gehört zu den vielversprechendsten Einsatzgebieten. Ein Quantencomputer könnte das Verhalten komplexer Proteine oder Medikamentenkandidaten simulieren, wofür klassische Supercomputer Jahrtausende bräuchten. Pharmaunternehmen wie Roche und Merck investieren bereits in Quantencomputing-Partnerschaften.

Optimierungsprobleme bilden ein zweites großes Feld. Logistik, Finanzportfolios, Verkehrssteuerung: Überall dort, wo aus einer riesigen Zahl von Möglichkeiten die beste Lösung gefunden werden muss, könnten Quantencomputer einen Vorteil bieten. Volkswagen testete 2019 zusammen mit D-Wave einen Quantenalgorithmus für die Busroutenoptimierung in Lissabon.

Die Materialforschung profitiert ebenfalls. Neue Supraleiter, effizientere Solarzellen, leichtere und stärkere Werkstoffe: Die Simulation quantenmechanischer Eigenschaften von Materialien ist genau das Problem, für das Feynman 1982 den Quantencomputer vorgeschlagen hat. Der Kreis schließt sich.

Trotz aller Fortschritte bleiben Quantencomputer auf absehbare Zeit Spezialisten für bestimmte Problemklassen. Sie werden klassische Computer nicht ersetzen, sondern ergänzen. Die Zukunft liegt wahrscheinlich in hybriden Systemen, die klassische und Quantenberechnungen kombinieren. IBM, Google und Amazon bieten bereits Cloud-Zugang zu Quantencomputern an, sodass Unternehmen und Forschungseinrichtungen Algorithmen testen können, ohne selbst Hardware betreiben zu müssen.

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Quantencomputer. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/quantencomputer/ (abgerufen am 17.06.2026).