Überwachungskapitalismus
Wirtschaftsmodell, das menschliches Verhalten in Daten verwandelt und diese Daten als Rohstoff zur Vorhersage und Beeinflussung von Verhalten verkauft.
Überwachungskapitalismus ist ein von der Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff geprägter Begriff (The Age of Surveillance Capitalism, 2019). Er beschreibt eine Wirtschaftsform, in der Tech-Unternehmen nicht Produkte verkaufen, sondern menschliches Verhalten. Jeder Klick, jede Suchanfrage, jeder Standort und jede soziale Interaktion wird erfasst, analysiert und in Vorhersageprodukte umgewandelt, die an Werbekunden verkauft werden.
Das Geschäftsmodell funktioniert, weil es für den Nutzer zunächst kostenlos erscheint. Google, Meta und andere Plattformen bieten leistungsfähige Dienste ohne direkte Bezahlung an. Der tatsächliche Preis sind die Verhaltensdaten, aus denen Vorhersagemodelle gebaut werden. Zuboff argumentiert, dass dieses System über reine Beobachtung hinausgeht: Plattformen verändern aktiv das Verhalten ihrer Nutzer, um ihre Vorhersagen genauer zu machen.
Die Science-Fiction hat diese Dynamik vorweggenommen. Dave Eggers' The Circle (2013) zeigt ein Unternehmen, das totale Transparenz predigt und schrittweise alle Lebensbereiche digitalisiert. Qualityland von Marc-Uwe Kling (2017) satirisiert eine Gesellschaft, in der Algorithmen über Beruf, Partner und sozialen Status entscheiden. Cory Doctorows Little Brother (2008) beschreibt einen Jugendlichen, der sich gegen staatliche Massenüberwachung wehrt, wobei die Grenze zwischen staatlicher und kommerzieller Überwachung verschwimmt.
Gerade der Überwachungskapitalismus verschiebt die alte Sorge vor dem überwachenden Staat ins Kommerzielle, denn hier sind es Konzerne, die unser Verhalten in Rohstoff verwandeln. Das Tückische daran ist, dass der Dienst gratis erscheint, während der eigentliche Preis die Daten sind, aus denen Vorhersagen über uns gebaut werden. Die Science-Fiction hat diese Logik früh ausgemalt, von der totalen Transparenz in The Circle bis zur algorithmisch sortierten Gesellschaft in Qualityland. Damit benennt das Genre eine Gefahr, die nicht aus Zwang, sondern aus Bequemlichkeit erwächst, weil wir unsere Daten freiwillig hergeben.
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