Geothermie: Wie weit die Erdwärme wirklich trägt
Klassische Geothermie funktioniert seit Jahrzehnten und wächst langsam: IRENA zählt Ende 2025 weltweit 16 Gigawatt installierte Stromleistung, ein Zuwachs von 0,3 Gigawatt gegenüber 2024. Der Hebel für Deutschland liegt bei der Wärme. 45 tiefe Anlagen mit 442 Megawatt Wärmeleistung liefern rund 1,8 Terawattstunden im Jahr, 18 sind im Bau, 178 in Planung.
Neu ist die Übertragung von Horizontalbohren und Stimulation aus der Öl- und Gasindustrie: Fervo hat in Utah die Bohrzeit seit 2022 um etwa drei Viertel gesenkt und will Ende 2026 die erste kommerzielle EGS-Anlage einspeisen lassen. Die Grenzen sind Fündigkeitsrisiko, Kapitalkosten und induzierte Seismizität, wie das Beben von Pohang 2017 mit Magnitude 5,5 gezeigt hat.
Zwei Geothermien mit sehr verschiedenem Reifegrad
Hydrothermale Geothermie zapft heißes Wasser an, das bereits in durchlässigem Gestein zirkuliert. Das funktioniert dort, wo die Geologie mitspielt, in Deutschland vor allem im Süddeutschen Molassebecken, im Oberrheingraben und im Norddeutschen Becken. Alle anderen Verfahren versuchen, ein Reservoir zu erzeugen oder zu umgehen, und genau dort verläuft die technische Auseinandersetzung.
- Hydrothermal, Reifegrad 5 Erprobte Dublettentechnik aus Förder- und Injektionsbohrung, seit Jahrzehnten im Einsatz. In Deutschland speisen 43 der 45 tiefen Anlagen Wärme ein, zehn davon zusätzlich Strom. Begrenzt wird das Verfahren durch die Geologie, während die Anlagentechnik als ausgereift gilt.
- EGS oder petrothermal, Reifegrad 3 Wasser wird in heißes, dichtes Gestein gepresst und weitet vorhandene Risse. Fervo nutzt dafür Horizontalbohren und Glasfaser-Monitoring aus dem Schieferölgeschäft und senkte die Bohrzeit zwischen 2022 und 2025 um rund drei Viertel, die Kosten je Bohrmeter um etwa 70 Prozent. Cape Station liegt bei rund 7.000 US-Dollar je Kilowatt installierter Leistung, angepeilt sind 3.000.
- Closed Loop, Reifegrad 2 bis 3 Ein Arbeitsmedium zirkuliert in geschlossenen Rohren ohne Kontakt zum Gestein, was Seismizität und Wasserchemie umgeht. Der Referenzfall Geretsried erreichte bislang nur einen Bruchteil der geplanten Leistung, zwei Schleifen wurden durch Gesteinsbruchstücke blockiert, und Eavor hat sich 2026 vom Betreiber zum Technologielieferanten umorientiert.
- Superhot Rock, Reifegrad 2 Bohren bis in Gestein von etwa 400 Grad Celsius, wo Wasser überkritisch wird und die Energieausbeute je Bohrung stark steigt. Quaise trug im Juli 2025 in Texas 100 Meter Granit mit Millimeterwellen ab und plant ein Pilotkraftwerk für 2028. Bis dahin bleibt das Forschungsstadium.
In Deutschland zählt die Wärme mehr als der Strom
Der deutsche Untergrund ist für Stromerzeugung meist zu kühl, für Fernwärme aber ausreichend warm. Der Bundesverband Geothermie zählt 45 tiefe Anlagen mit 442 Megawatt Wärmeleistung und rund 1,8 Terawattstunden Jahresarbeit, dazu 18 Anlagen im Bau und 178 in Planung; die Zahl erteilter Aufsuchungserlaubnisse stieg 2024 von 82 auf 155. Der Verband hält 10 Terawattstunden für erreichbar, eine Verbandszahl ohne unabhängige Gegenrechnung.
München ist der Maßstabsfall. Rund 11,5 Prozent der Fernwärme kamen dort 2024 aus Geothermie, die Stadtwerke planen bis 2035 siebzehn Anlagen und veranschlagen etwa 9,5 Milliarden Euro für Netz und Bohrungen.
Die Kostenordnung zeigt Laufzorn II in Grünwald mit 153 Millionen Euro Investition für eine 4.000 Meter tiefe Bohrung samt Heizwerk, davon 61 Millionen Euro Bundesförderung. Das Geothermie-Beschleunigungsgesetz vom 4. Dezember 2025 stellt den Ausbau ins überragende öffentliche Interesse und vereinfacht Genehmigungen, am Fündigkeitsrisiko ändert es nichts.
Das Risiko, das sich nicht wegreden lässt
Stimulation im kristallinen Untergrund kann Spannungen freisetzen, die ohnehin vorhanden sind. Basel brach sein EGS-Projekt 2006 nach spürbaren Beben ab, in Pohang folgte 2017 ein Beben der Magnitude 5,5, das eine internationale Untersuchungsgruppe mehrheitlich auf die Injektionen zurückführte, und die Präfektur bei Straßburg stoppte 2020 die Vorhaben in Vendenheim.
Hydrothermale Anlagen im Molassebecken arbeiten mit deutlich geringeren Drücken und weisen diese Historie nicht auf, weshalb die Verfahrensfrage mehr aussagt als das Wort Geothermie. Seismisches Echtzeitmonitoring mit Abschaltschwellen ist heute Standard und senkt das Risiko messbar, ohne es auszuschließen.
Geld, Macht und Interessen
Die Next-Generation-Geothermie ist eine Tochter der Öl- und Gasindustrie. Bohrgerät, Dienstleister und Personal kommen aus dem Schieferölgeschäft, das damit eine Anschlussverwendung für Kapazitäten findet, die sonst schrumpfen würden. Auf der Nachfrageseite treiben Rechenzentren den Ausbau, Google ist bei Fervo Investor und zugleich Abnehmer, was einen Teil des Booms an die Lastprognosen der KI-Branche koppelt.
Selbsttragend ist das Feld noch nicht: Fervo verzeichnete 2025 einen Nettoverlust von 57,8 Millionen US-Dollar, hat rund 2 Milliarden US-Dollar eingesammelt und bereitet einen Börsengang vor, weshalb Meldungen über Bohrrekorde immer auch Investorenkommunikation sind.
In Deutschland liegt die Macht bei kommunalen Versorgern, die das Wärmenetz besitzen und die Preise setzen. Förderung wie die 61 Millionen Euro für Laufzorn II oder die 91,6 Millionen Euro aus dem EU-Innovationsfonds für Geretsried verschiebt das Fündigkeitsrisiko teilweise auf die öffentliche Hand. Gegenläufig arbeiten Bürgerinitiativen in Regionen mit Bebenerfahrung sowie Gasversorger, deren Absatz durch Erdwärme im Wärmenetz direkt ersetzt wird.
Die Romane dazu
So weit die Datenlage. Was sie für Menschen bedeutet, denken diese Romane aus dem Lexikon weiter.
-
Robinson lässt seine Siedler Moholes bohren, tiefe Schächte, die Planetenwärme anzapfen und das Klima verändern sollen. Der Streit um Kosten, Zeithorizonte und Nebenwirkungen solcher Großbohrungen liegt nahe an der realen Geothermie-Debatte.
Häufige Fragen
Kann Geothermie Erdbeben auslösen?
Ja, unter bestimmten Bedingungen. Wo Wasser unter hohem Druck in dichtes Kristallin gepresst wird, können vorhandene Spannungen freigesetzt werden. Basel stellte sein Projekt 2006 deswegen ein, Pohang erlebte 2017 ein Beben der Magnitude 5,5, das auf die Injektionen zurückgeführt wurde. Hydrothermale Anlagen mit geringeren Drücken, wie sie in Bayern üblich sind, haben dieses Profil nicht. Seismisches Monitoring mit Abschaltschwellen gehört heute zum Standard.
Lohnt sich Tiefengeothermie in Deutschland?
Für Wärme in geeigneten Regionen ja, für Stromerzeugung meist nicht. Das Molassebecken südlich von München, der Oberrheingraben und das Norddeutsche Becken liefern Temperaturen, die für Fernwärme reichen. Die Rechnung hängt an zwei Bedingungen: an einem vorhandenen oder geplanten Wärmenetz und an der Absicherung des Fündigkeitsrisikos. Fehlt eine davon, bleibt das Projekt für kommunale Versorger schwer finanzierbar.
Was unterscheidet Geothermie von einer Erdwärmepumpe?
Tiefe und Zweck. Eine Erdwärmepumpe nutzt oberflächennahe Temperaturen bis etwa 100 Meter und hebt sie mit Strom auf Heizniveau, eingesetzt für einzelne Gebäude. Tiefengeothermie fördert Wasser aus 1.000 bis 5.000 Metern, das bereits nutzbare Temperatur mitbringt, und speist ganze Wärmenetze oder Kraftwerke. Beide Verfahren gelten als ausgereift, unterscheiden sich aber in Kosten, Genehmigungsrecht und Risikoprofil vollständig.
Wie viel kostet eine Tiefengeothermie-Anlage?
Die Größenordnung zeigt Laufzorn II bei Grünwald mit 153 Millionen Euro Gesamtinvestition für eine rund 4.000 Meter tiefe Bohrung samt Heizwerk, davon 61 Millionen Euro Bundesförderung. Der Löwenanteil fällt vor der Inbetriebnahme an, und ob die Bohrung genug Wasser und Temperatur trifft, zeigt sich erst nach dem Aufschluss. Genau dieses Fündigkeitsrisiko ist der Grund für staatliche Absicherungsprogramme.
Quellen und Weiterlesen
Grundlage sind Bestands- und Registerdaten: IRENA Renewable Capacity Statistics 2026 für 16 Gigawatt weltweite Geothermie-Stromleistung Ende 2025, die Projektlandkarte des Bundesverbands Geothermie mit Stand Februar 2026 für 45 Anlagen, 442 Megawatt und die Pipeline, sowie das Geothermie-Beschleunigungsgesetz in der am 4. Dezember 2025 beschlossenen Fassung.
Zur induzierten Seismizität stützt sich die Seite auf die Berichte der internationalen Untersuchungskommission zu Pohang und das Hintergrundpapier des Bundesverbands Geothermie, zur US-Perspektive auf den Liftoff-Bericht des US-Energieministeriums mit 90 Gigawatt Potenzial bis 2050 und Zielkosten von 45 US-Dollar je Megawattstunde.
Angaben zu Fervo, Eavor und Quaise stammen aus Unternehmensmeldungen und Börsenunterlagen und gelten hier als Projektstand und Interessenlage; die Leistungszahlen zu Geretsried folgen einer unabhängigen Branchenanalyse vom Mai 2026 und weichen deutlich von den ursprünglichen Projektangaben ab. Update-Anlass: die erste Einspeisung von Cape Station, die jährliche Fortschreibung der Projektlandkarte und jedes Seismizitätsereignis an einem laufenden Projekt.