Grüner Stahl: Wie weit ist die Wasserstoff-Direktreduktion 2026?
Grüner Stahl bezeichnet Stahl, dessen Eisenerz mit Wasserstoff statt mit Koks reduziert wird; als Reaktionsprodukt entsteht Wasserdampf statt CO2. Der so gewonnene Eisenschwamm wandert in einen Elektrolichtbogenofen. Die Chemie ist erprobt, die Industrie steht am Anfang. Im August 2026 läuft weltweit kein Stahlwerk dauerhaft auf reinem Wasserstoff.
Stegra in Boden hat alle 37 Elektrolyse-Module mit 740 Megawatt installiert und zielt auf Dauerbetrieb ab Ende 2026, thyssenkrupp will die Duisburger Anlage ab Ende 2027 hochfahren, zunächst mit Erdgas. Die IEA sieht die weltweite Kapazität für Nahe-Null-Stahl bis 2030 bei rund 10 Millionen Tonnen, einem kleinen Bruchteil der Weltproduktion. Der Engpass liegt weniger im Reaktor als bei bezahlbarem Wasserstoff, bei Strompreisen und bei der Frage, wer die Mehrkosten trägt.
Wie Stahl ohne Koks entsteht
Im Hochofen entzieht Kohlenstoff dem Eisenerz den Sauerstoff, CO2 ist dabei das chemisch zwangsläufige Produkt. Rund 70 Prozent der Weltstahlproduktion laufen weiterhin über diese Route. Die Direktreduktion arbeitet unterhalb des Schmelzpunkts: Ein aufgeheizter Gasstrom zieht den Sauerstoff aus dem Erz, übrig bleibt poröser Eisenschwamm. Mit Wasserstoff als Reduktionsmittel verlässt Wasserdampf den Schachtofen.
Der Eisenschwamm wird im Elektrolichtbogenofen mit Schrott zu Stahl erschmolzen. Die Klimabilanz hängt damit zweifach am Strommix, für die Elektrolyse und für das Einschmelzen. Dieselben Schachtöfen laufen auch mit Erdgas, was den Bau erleichtert und die Minderung vorerst deckelt.
- Wasserstoff-Direktreduktion mit Elektrolichtbogenofen Die Route mit dem größten Minderungspotenzial. Die IEA schätzt frühe Anlagen mit hohem Wasserstoffanteil auf 50 bis 140 Prozent höhere Kosten als eine Hochofenlinie.
- Erdgas-Direktreduktion als Zwischenschritt Seit Jahrzehnten erprobt, vor allem im Nahen Osten. thyssenkrupp fährt Duisburg so an und peilt bis 2030 rund 30 Prozent weniger CO2 gegenüber 2018 an.
- Schrott im Elektrolichtbogenofen Der günstigste Weg zu niedrigen Emissionen, begrenzt durch das verfügbare Schrottaufkommen und durch Reinheitsanforderungen hochwertiger Flachstahlgüten.
- CO2-armer Zement als Parallelfall In Brevik läuft seit Juni 2025 die erste industrielle CO2-Abscheidung an einem Zementwerk, rund 400.000 Tonnen pro Jahr und damit etwa die Hälfte der Werksemissionen, mit Einlagerung unter der Nordsee.
Der reale Projektstand im August 2026
Die europäische Projektlandschaft ist von Streckungen geprägt. Stegra sicherte im Frühjahr 2026 weitere 1,4 Milliarden Euro, nachdem die Kosten gestiegen waren und eine schwedische Förderung über 165 Millionen Euro entfiel; der ursprünglich für 2025 geplante Produktionsstart liegt nun am Jahresende 2026. In Deutschland behalten die Anlagenbauer ihre Aufträge, während zwei der großen Vorhaben gestreckt oder gestrichen wurden.
- Stegra, Boden 2,5 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr in der ersten Stufe, rund 6,5 Milliarden Euro Finanzierung aus 2024 plus 1,4 Milliarden aus 2026, Hochlauf ab Ende 2026.
- thyssenkrupp, Duisburg Rund 3 Milliarden Euro Investition, davon 2 Milliarden von Bund und Land, Anlagenauftrag an SMS über mehr als 1,8 Milliarden. Hochlauf ab Ende 2027 statt Ende 2026, Betriebsstart mit Erdgas.
- Salzgitter, SALCOS Erste Stufe weiter für 2027 geplant, mit 100-Megawatt-Elektrolyse für etwa 9.000 Tonnen Wasserstoff im Jahr. Die Investitionsentscheidung für Stufe zwei und drei rutschte im September 2025 von 2026 auf 2028/29.
- ArcelorMittal und SSAB ArcelorMittal stoppte im Juni 2025 seine deutschen Direktreduktionsprojekte und verzichtete auf bewilligte Förderung von 1,3 Milliarden Euro. SSAB verschob den Start in Luleå von Ende 2028 auf Ende 2029.
Kostenlücke und grüne Leitmärkte
Die Lücke liegt im Preis. Aufschläge für CO2-armen Flachstahl lagen 2025 in Europa bei etwa 120 bis 180 Euro je Tonne, der Fastmarkets-Index nannte im Januar 2026 eine Spanne von 100 bis 170 Euro. Langfristverträge mit Automobilherstellern erreichen 200 bis 350 Euro, außerhalb Europas verschwindet der Aufschlag weitgehend.
Deshalb rücken Leitmärkte in den Vordergrund, also Regeln, die Nachfrage verbindlich machen. Seit Januar 2026 gilt der Grenzausgleich CBAM in seiner definitiven Fassung und verlangt belastbare Emissionswerte je Tonne Importstahl.
Quoten und Emissionsobergrenzen in der öffentlichen Beschaffung werden auf EU-Ebene verhandelt. Die IEA sieht die Kapazität für Nahe-Null-Stahl bis 2030 unverändert bei rund 10 Millionen Tonnen, während gut 80 Millionen Tonnen Kapazität technisch geeignet wären, vielfach jedoch mit Erdgas starten.
Geld, Macht und Interessen
Der Umbau läuft überwiegend mit öffentlichem Geld: Bei tkH2Steel stehen rund 2 Milliarden Euro Förderung von Bund und Land etwa 3 Milliarden Euro Investition gegenüber, ArcelorMittal gab bewilligte 1,3 Milliarden zurück und behielt die Standortentscheidung in eigener Hand. Anlagenbauer wie SMS und Elektrolyseur-Hersteller verdienen unabhängig davon, ob eine Anlage später mit Wasserstoff oder mit Erdgas fährt.
Die Stahlkonzerne wiederum nutzen die Transformation als Argument für Industriestrompreise und Handelsschutz, während CBAM ihre Wettbewerbsposition gegenüber Importen absichert. Auf der Käuferseite zahlen vor allem Autohersteller Prämien, weil sie damit eigene Lieferkettenziele bedienen. Diese Interessen entkräften die Technik nicht, sie erklären aber, warum Ankündigungen und Inbetriebnahmen so weit auseinanderliegen.
Die Romane dazu
So weit die Datenlage. Was sie für Menschen bedeutet, denken diese Romane aus dem Lexikon weiter.
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Das Ministerium für die Zukunft
Der Roman durchspielt, wie Dekarbonisierung im großen Maßstab finanziert wird, von Zentralbank-Instrumenten bis zu Umbauprogrammen. Das ist die Ebene, auf der grüner Stahl entschieden wird.
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Chronik einer Klimapolitik, die an Lobbyarbeit und Industrieinteressen hängenbleibt. Nützlich als Kontrastfolie zu Förderbescheiden, die später zurückgegeben werden.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen grünem Stahl und CO2-reduziertem Stahl?
Grüner Stahl meint im engen Sinn die Reduktion mit Wasserstoff aus erneuerbarem Strom plus Elektrolichtbogenofen. CO2-reduzierter Stahl ist ein weiter Sammelbegriff und umfasst auch Erdgas-Direktreduktion, hohe Schrottanteile oder Massenbilanz-Zertifikate, bei denen eine kleine emissionsarme Menge rechnerisch auf größere Liefermengen verteilt wird. Eine einheitliche gesetzliche Definition fehlt bislang, weshalb der Emissionswert je Tonne der belastbarere Vergleichsmaßstab ist.
Wann gibt es grünen Stahl in nennenswerter Menge?
Nach heutigem Stand nicht vor der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Stegra zielt auf Dauerbetrieb ab Ende 2026, thyssenkrupp auf einen Hochlauf ab Ende 2027 mit zunächst Erdgas, Salzgitter auf die erste Stufe 2027. Die IEA rechnet für 2030 mit rund 10 Millionen Tonnen Kapazität für Nahe-Null-Stahl weltweit, gemessen an einer Weltproduktion im Milliarden-Tonnen-Bereich also mit einer Nische.
Wie viel teurer ist grüner Stahl?
Am Markt lagen die Aufschläge für CO2-armen europäischen Flachstahl 2025 bei etwa 120 bis 180 Euro je Tonne, Langfristverträge mit Autoherstellern bei 200 bis 350 Euro. Für ein Mittelklasseauto mit etwa einer Tonne Stahl bedeutet das einen Materialaufschlag im niedrigen dreistelligen Bereich. Bei Investitionskosten schätzt die IEA frühe Anlagen mit hohem Wasserstoffanteil auf 50 bis 140 Prozent über der Hochofenroute.
Wäre mehr Recycling nicht der einfachere Weg?
Schrott im Elektrolichtbogenofen ist die emissionsärmste verfügbare Route und wird ausgebaut. Das Schrottaufkommen wächst allerdings nur mit dem Alter des vorhandenen Stahlbestands, und Verunreinigungen wie Kupfer begrenzen den Einsatz bei anspruchsvollen Flachstahlgüten für Auto und Verpackung. Primäres Eisen bleibt deshalb nötig, und genau dafür wird die Direktreduktion gebaut.
Quellen und Weiterlesen
Die Seite stützt sich bei Technik und Mengengerüst auf Synthesen, vor allem den Breakthrough Agenda Report 2025 der IEA für Kostenaufschläge, Kapazitäten und den Anteil der Hochofenroute. Marktpreise für Aufschläge stammen aus Handelsdatenanbietern wie Fastmarkets sowie aus veröffentlichten Käuferbefragungen, nicht aus Herstellerangaben.
Projektstände beruhen auf Unternehmens- und Zuliefererkommunikation von Stegra, thyssenkrupp, Salzgitter, ArcelorMittal und SSAB sowie auf EU-Beihilfeentscheidungen; diese Meldungen sind Interessenquellen und werden hier als Terminlage behandelt, nicht als Technikbeleg.
Der Zementteil folgt der Betriebsmeldung zu Brevik und dem norwegischen Longship-Programm. Aktualisiert wird bei Inbetriebnahme in Boden, beim Hochlauf in Duisburg und bei der ersten vollständigen CBAM-Berichtsrunde.