Schwammstadt: Prinzip, reale Projekte und die Grenzen bei Extremregen
Eine Schwammstadt hält Niederschlag dort zurück, wo er fällt, statt ihn schnell in die Kanalisation abzuleiten. Entsiegelte Flächen, Baumrigolen, Gründächer, Mulden und temporär flutbare Plätze speichern Wasser, geben es an Boden und Pflanzen ab und lassen es verdunsten. Der Effekt wirkt in zwei Richtungen: Der Abfluss bei Starkregen wird gedämpft, und die Verdunstung kühlt das Quartier in Hitzeperioden.
Die Wirkung ist messbar und zugleich begrenzt. Dezentrale Elemente greifen bei häufigen Regen im Bereich weniger Zentimeter; bei Ereignissen wie in Zhengzhou 2021 mit über 200 Millimetern in einer Stunde bleibt nur noch geordnete Überflutung auf Flächen, die dafür vorgesehen sind. Schwammstadt ersetzt Kanal und Hochwasserschutz nicht, sondern entlastet beide und verlagert einen Teil der Vorsorge an die Oberfläche.
Was das Prinzip technisch bedeutet
Der Fachbegriff lautet dezentrale Regenwasserbewirtschaftung. Ziel ist ein Wasserhaushalt nahe am unbebauten Zustand: Ein möglichst großer Teil des Niederschlags versickert, verdunstet oder wird zwischengespeichert, statt über Rohre in Gewässer und Klärwerke zu laufen.
Berlin hat das rechtlich verankert. Seit Anfang 2018 müssen Bauvorhaben nach Paragraf 29 Baugesetzbuch Regenwasser grundsätzlich auf dem Grundstück bewirtschaften, eine Einleitung in den Kanal ist nur nach Nachweis zulässig.
Die Kühlwirkung stammt aus der Verdunstung. Wasser im Boden und in Pflanzen wird bei Hitze in Verdunstungskälte umgesetzt, belaubte Baumkronen senken die Temperatur darunter um mehrere Kelvin. Dieser Effekt hängt vollständig an der Wasserverfügbarkeit. Trocknet der Wurzelraum aus, schließen Bäume ihre Spaltöffnungen, und die Kühlleistung fällt genau in der Phase weg, in der sie gebraucht wird. Rückhalteelemente sind deshalb zugleich Bewässerungsinfrastruktur für Stadtgrün.
Was in Kopenhagen, China und Deutschland gebaut wurde
Kopenhagen ist der meistzitierte Fall, weil dort gerechnet wurde. Am 2. Juli 2011 fielen binnen weniger als zwei Stunden rund 150 Millimeter Regen, der Schaden lag bei etwa sechs Milliarden dänischen Kronen.
Die Stadt verglich anschließend zwei Wege: reiner Kanalausbau mit rund 20 Milliarden Kronen und negativem volkswirtschaftlichem Saldo, Kombination aus oberirdischem Rückhalt und Rohren mit rund 13 Milliarden Kronen und positivem Saldo. Bemessungsziel ist, dass bei einem hundertjährlichen Ereignis höchstens zehn Zentimeter Wasser auf Straßenniveau stehen.
- Kopenhagen, Wolkenbruchplan seit 2012 Rund 300 Einzelprojekte über etwa zwanzig Jahre, Baukosten in der Größenordnung von elf bis zwölf Milliarden Kronen, überwiegend finanziert über Wassergebühren. Der umgebaute Enghaveparken hält bis zu 22.600 Kubikmeter Regenwasser zurück.
- China, Sponge-City-Programm seit 2014 Ab 2015 zunächst 30 Pilotstädte, Zielvorgabe: Bis 2030 sollen 80 Prozent der bebauten Stadtfläche 70 Prozent des Niederschlags vor Ort aufnehmen oder wiederverwenden. Eine 2026 veröffentlichte Befragung von Fachleuten in Peking, Shanghai und Shenzhen beschreibt fragmentierte Umsetzung ohne Bezug zum Einzugsgebiet.
- Berlin, Programm bis 2028 Der Senatsbericht vom Juni 2026 nennt rund 86 Millionen Euro Landesmittel und etwa 300.000 Kubikmeter zusätzlichen unterirdischen Rückhalt im Mischsystem. Das Folgeprogramm nach 2028 soll den Schwerpunkt auf oberirdische Maßnahmen verschieben.
- Hamburg und Bonn Hamburg setzt die RegenInfraStrukturAnpassung von Hamburg Wasser und Umweltbehörde um und hat im April 2026 eine öffentliche Maßnahmenübersicht freigeschaltet. Bonn beschloss im April 2024 ein gesamtstädtisches Schwammstadtkonzept mit Chancenkarte und fünf Pilotprojekten.
Wo die Grenze liegt
Die Grenze ist eine Frage von Millimetern und Wiederkehrzeiten. Dezentrale Elemente puffern die häufigen Ereignisse, die den Großteil der Jahresniederschläge und der Gewässerbelastung ausmachen. Bei seltenen Extremen zählt vor allem, ob ausgewiesene Flächen kontrolliert überflutet werden dürfen und ob Gebäude und Rettungswege nutzbar bleiben.
Zhengzhou hatte vor der Flut im Juli 2021 nationale Fördermittel für Sponge-City-Maßnahmen erhalten; bei über 200 Millimetern in einer Stunde und mehr als 600 Millimetern in 72 Stunden starben dennoch knapp 400 Menschen, und eine räumliche Auswertung zeigte, dass die Maßnahmen kaum dort lagen, wo das Überflutungsrisiko am höchsten war.
Für die Praxis folgt daraus eine Planungsanforderung: Rückhalt gehört auf die Ebene des Einzugsgebiets, mit einer nachprüfbaren Angabe, gegen welches Ereignis er schützt.
Geld, Macht und Interessen
Der Umbau verschiebt Geld zwischen Branchen. Kanalbau und Rohrindustrie verlieren Anteile an Landschaftsarchitektur, Galabau und Bewässerungstechnik, während Ingenieurbüros an beiden Enden verdienen und Kommunen die Planungsleistung zukaufen müssen.
Finanziert wird überwiegend über Niederschlagswassergebühr und Wasserpreise statt aus dem allgemeinen Haushalt; in Kopenhagen trägt der Gebührenzahler den Großteil der Baukosten, das Stadtbudget im Wesentlichen den Begrünungsanteil.
Daraus entsteht ein Verteilungskonflikt, weil Eigentümer großer versiegelter Flächen durch Entsiegelung ihre Gebühr senken, während Mietende die allgemeinen Kosten mittragen. Auf kommunaler Seite wirkt ein Lock-in in die Gegenrichtung: Wer heute eine Straße ohne Rückhalt saniert, legt den Zustand für Jahrzehnte fest. Genau diese Vorentscheidung fällt in Verwaltungen ohne Personal für Klimaanpassung meist unbemerkt.
Die Romane dazu
So weit die Datenlage. Was sie für Menschen bedeutet, denken diese Romane aus dem Lexikon weiter.
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Robinson beschreibt eine Stadt, die mit dem Wasser lebt, samt Instandhaltung, Versicherungsfragen und Eigentumsrecht. Das ist die literarische Fassung der Frage, wer den Rückhalt bezahlt und wem die geflutete Fläche gehört.
Häufige Fragen
Was kostet eine Schwammstadt?
Belastbare Zahlen liefert Kopenhagen: Der Wolkenbruchplan umfasst rund 300 Projekte mit Baukosten von etwa elf bis zwölf Milliarden dänischen Kronen über zwanzig Jahre. Die Stadt bewertete den reinen Kanalausbau mit rund 20 Milliarden Kronen als volkswirtschaftlich schlechter. In Deutschland sind die Programme kleiner zugeschnitten, Berlin bindet bis 2028 rund 86 Millionen Euro Landesmittel. Ein bundesweiter Kostenrahmen existiert nicht, weil Bemessung und Bestand von Stadt zu Stadt stark abweichen.
Hilft eine Schwammstadt gegen Hochwasser wie im Ahrtal?
Nur am Rand. Schwammstadt-Elemente wirken auf lokalen Oberflächenabfluss aus Starkregen im Stadtgebiet. Ein Flusshochwasser entsteht im Einzugsgebiet oberhalb der Stadt und wird von Retention in der Fläche, Deichen, Rückhaltebecken und Bauverboten in Überschwemmungsgebieten bestimmt. Zhengzhou zeigt den Unterschied deutlich: Trotz nationaler Förderung für Sponge-City-Maßnahmen forderte die Flut 2021 knapp 400 Todesopfer, weil die Regenmengen alle dezentralen Speicher um ein Vielfaches überstiegen.
Wie stark kühlt eine Schwammstadt im Sommer?
Messbar im Quartiersmaßstab, begrenzt in der Reichweite. Beschattung und Verdunstung unter Baumkronen senken die Belastung deutlich, grüne Freiflächen bleiben nachts kühler als versiegelte Umgebung. Der Effekt reicht meist nur wenige Dutzend Meter ins Umfeld und bricht ein, wenn der Boden austrocknet und Pflanzen ihre Verdunstung drosseln. Ohne Wasserspeicher im Untergrund und ohne Bewässerung in Trockenphasen bleibt vom Kühlversprechen wenig übrig.
Ist Schwammstadt in Deutschland Pflicht?
Eine bundesweite Schwammstadt-Pflicht existiert nicht, die Vorgaben wachsen jedoch. Berlin verlangt seit 2018 bei Bauvorhaben nach Paragraf 29 Baugesetzbuch grundsätzlich Regenwasserbewirtschaftung auf dem Grundstück. Seit Januar 2025 müssen öffentliche Planungsträger nach dem Bundes-Klimaanpassungsgesetz Klimarisiken in ihren Planungen berücksichtigen, was Entwässerung und Freiraumplanung direkt betrifft. Kommunale Satzungen zu Gründächern, Entsiegelung und Einleitmengen kommen laufend hinzu.
Quellen und Weiterlesen
Die Seite stützt sich auf Primärdaten und amtliche Berichte: Niederschlagsmessung und Schadensbilanz zum Kopenhagener Wolkenbruch vom 2. Juli 2011, die Wirtschaftlichkeitsrechnung zum Cloudburst Management Plan in der Fallsammlung Climate-ADAPT der Europäischen Umweltagentur, die Volumenangabe zum Enghaveparken ebendort sowie den Berliner Senatsbericht zur Schwammstadt vom Juni 2026 mit Mittel- und Volumenangaben.
Für die Wirkungsgrenzen dienen begutachtete Arbeiten: eine 2026 in Land veröffentlichte Interviewstudie mit dreißig Fachleuten aus Peking, Shanghai und Shenzhen und eine Analyse der Zhengzhou-Flut 2021 in Urban Lifeline mit Niederschlags-, Opfer- und Standortdaten.
Projektseiten von Hamburg Wasser, RISA und der Stadt Bonn liefern den Umsetzungsstand und gelten als Interessenquelle, nicht als Wirkungsnachweis. Update-Anlass: Senats- und Ratsbeschlüsse zu den Folgeprogrammen ab 2028, revidierte Bemessungsregeln nach einer KOSTRA-Aktualisierung sowie belastbare Vorher-Nachher-Messungen aus deutschen Modellquartieren.