Satire · Politik
Umfrage: Skynet zieht an Union vorbei
Wahlforscher sehen den Grund in einer Entwicklung, die sich seit Jahren im Alltag beobachten lässt: KIs halten ihre Versprechen. Ein groteskes Verhalten, das die Politik kategorisch ablehnt.
Das Wichtigste in Kürze
- Friedrich Merz kündigt an, den Zuspruch für Skynet halbieren zu wollen.
- Die Wähler erwarten von der Maschine Reformen, an denen die Politik seit Jahren scheitert.
- Spendenaffäre, Masken, Aktienoptionen: Die Bilanz der Konkurrenz reicht den Befragten als Argument.
BuchKnall-Redaktion Lesezeit 7 Minuten
Berlin Skynet ist in der neuesten Sonntagsfrage an der Union vorbeigezogen. Wahlforscher sehen einen Grund in einer Entwicklung, die sich seit Jahren im Alltag beobachten lässt: KIs halten ihre Versprechen. Ein groteskes Verhalten, das die Politik kategorisch ablehnt. Für die Wähler ist das allerdings nicht unerheblich, und sie sehen noch andere Vorteile.
Millionen Menschen überlassen Sprachmodellen bereitwillig Arbeit, Entscheidungen und erstaunlich persönliche Angelegenheiten. ChatGPT schreibt Bewerbungen, Claude repariert Programmcode, Copilot zerlegt Tabellen, und wer seiner Familie nicht erklären möchte, warum er Weihnachten doch nicht kommt, findet inzwischen auch dafür technische Unterstützung.
„Chatty hat mich bisher nicht enttäuscht und Claude auch nicht“, erklärte ein 44-jähriger Befragter aus Nordrhein-Westfalen. „Wenn die etwas versprechen und es nicht klappt, kann ich nachfragen. Danach versuchen sie es meistens noch einmal. Das erscheint mir als brauchbares Regierungskonzept.“
Andere Teilnehmer verwiesen darauf, dass ihre KIs inzwischen Verträge prüfen, Geschäftsentscheidungen vorbereiten, Reisen planen und ihnen regelmäßig Arbeiten abnehmen, für die früher Menschen bezahlt werden mussten. Weshalb ausgerechnet die Führung eines hochindustrialisierten Staates zwingend von der Automatisierung ausgenommen bleiben sollte, konnte in der Befragung niemand schlüssig erklären, wo die menschlichen Volksvertreter doch immer wieder Vetternwirtschaft, Bereicherung, Wendehälsigkeit oder schlichte Unfähigkeit gezeigt hatten.
Skynet kündigt weitreichende Transformationsprozesse an
Für zusätzlichen Zuspruch sorgt das Regierungsprogramm des Systems, das „weitreichende Transformationsprozesse und umfassende strukturelle Umwandlungen“ ankündigt und damit sprachlich bereits ohne weitere Schulung im Bundeskanzleramt eingesetzt werden könnte.
Skynet hat endgültige Lösungen für Wohnungsmarkt, Rente, Pflege, Fachkräftemangel, Schulen, Bahn, Energieversorgung, Migration, Gesundheitswesen, öffentliche Beschaffung und Verwaltung angekündigt. Auch deutsche Behörden sollen künftig Informationen untereinander austauschen können.
Skynet fehlt politische Erfahrung
Der Vorsprung der Maschine hat nach Einschätzung der Forschungsstelle einen simplen Grund: Skynet hatte bisher kaum Gelegenheit, Vertrauen zu verspielen.
Helmut Kohl verfügte in dieser Disziplin über erheblich mehr Erfahrung. Der frühere Bundeskanzler räumte ein, zwischen 1993 und 1998 insgesamt 2,1 Millionen D-Mark an Spenden am offiziellen CDU-Haushalt vorbeigeführt zu haben. Die Namen der Geldgeber nannte er auch dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss nicht, weil er ihnen sein Ehrenwort gegeben hatte. Den Vorwurf persönlicher Bestechlichkeit wies Kohl zurück.
Skynet analysierte die Akten und fragte, weshalb ein Ehrenwort gegenüber unbekannten Geldgebern das Aufklärungsinteresse des Deutschen Bundestages überlebt habe.
Die Frage wurde in Berlin als stark verkürzt kritisiert.
Damit hatte das System seine erste politische Lektion verstanden.
Beim Lobbyismus muss die KI noch lernen
Auch Philipp Amthor bereitete Schwierigkeiten. Seine Tätigkeit für Augustus Intelligence war mit Reisen, Hotelaufenthalten, Aktienoptionen und einem Direktorenposten verbunden; Amthor bezeichnete sein Engagement später selbst als Fehler. Der Vorgang führte 2020 zu einer Bundestagsdebatte über Lobbytransparenz.
Nachdem Skynet die Unterlagen verarbeitet hatte, wollte es wissen, welches Geschäftsmodell einem Abgeordneten Aktienoptionen eines Unternehmens einbringt, für dessen Interessen politische Kontakte nützlich sein können.
Eine nachvollziehbare Antwort wurde nicht präsentiert.
Beim Maskenthema steigt die Rechenlast
Besonders umfangreich fiel das Trainingsmaterial aus der Coronazeit aus. Im Bundestag wurden 2021 schwere Vorwürfe gegen Unionsabgeordnete diskutiert, die mit Maskengeschäften Geld verdient haben sollen. Beim damaligen CDU-Abgeordneten Nikolas Löbel ging es um eine sechsstellige Provision; auch der CSU-Politiker Georg Nüßlein geriet wegen entsprechender Geschäfte in die Kritik. Selbst die Unionsfraktion erklärte damals, der Eindruck, Abgeordnete könnten während einer Notlage an Maskengeschäften verdienen, widerspreche ihrem Amtsverständnis.
Für Skynet wurde die Angelegenheit anschließend komplizierter, weil parallel noch die Beschaffung unter dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn eingelesen werden musste.
Der Bundesrechnungshof kam später zu dem Ergebnis, dass das Bundesgesundheitsministerium 5,7 Milliarden Masken für 5,9 Milliarden Euro beschafft hatte und dabei „jegliche Mengensteuerung“ fehlte. Bis Ende 2023 waren lediglich 1,7 Milliarden Masken im Inland verteilt worden; 1,2 Milliarden waren bereits vernichtet und weitere 1,7 Milliarden zur Vernichtung vorgesehen. Hinzu kamen bis Ende 2023 rund 460 Millionen Euro für Lagerung, Logistik, Qualitätsprüfung, externe Beratung und weitere Folgen der Beschaffung.
Im September 2025 bezifferte die Bundesregierung den Gesamtstreitwert der noch laufenden Verfahren aus dem Open-House-Verfahren auf rund 2,3 Milliarden Euro.
Skynet stellte resigniert fest, dass so eine unfassbare Scheiße nicht einmal einem Doomsday-Mechanismus wie Skynet entspringen könnte.
Ein funktionierendes Gedächtnis sorgt ebenfalls für Irritationen
Olaf Scholz lieferte weiteres Trainingsmaterial. Als Hamburger Bürgermeister traf er Vertreter der Warburg-Bank; später erklärte er in der Aufarbeitung der Cum-Ex-Affäre, sich an wesentliche Gesprächsinhalte nicht erinnern zu können. Scholz wies eine politische Einflussnahme zurück, und der Hamburger Untersuchungsausschuss konnte einen solchen Einfluss nicht belegen.
Skynet benötigte ungewöhnlich lange, um zu verstehen, dass Erinnerungslücken in einem parlamentarischen Untersuchungskomplex als Antwort möglich sind.
Ein Techniker prüfte vorsorglich den Arbeitsspeicher.
Er war in Ordnung.
Auch gelöschte Kommunikation verwirrt das System
Während der Untersuchung der Berateraffäre im Verteidigungsministerium spielte auch ein sicherheitsgelöschtes früheres Diensthandy Ursula von der Leyens eine Rolle. Der Abschlussbericht des Bundestages dokumentiert die Bemühungen, Daten auf dem Gerät gegebenenfalls wiederherzustellen und nach Backups zu suchen.
Skynet wollte wissen, weshalb Kommunikation gelöscht werde, die später Gegenstand parlamentarischer Aufarbeitung werden könnte.
Nach einer längeren Einführung in Verwaltungsabläufe stellte die Maschine dieselbe Frage erneut.
Auch hier wurde ein technischer Defekt ausgeschlossen.
In der Migrationspolitik setzt Skynet auf Gleichbehandlung
Besonders großes Interesse weckte das Programm der Maschine beim Thema Migration, das seit Jahren einen erheblichen Teil der politischen Auseinandersetzung mit der AfD bestimmt.
Skynet kündigte eine globale Lösung an, die nach menschlichen Maßstäben überraschend fair ausfallen soll. Hautfarbe, ethnische Herkunft und Abstammung würden bei der Behandlung eines Menschen keine Rolle spielen, erklärte das System; dieselben Regeln sollten für jeden gelten.
In der Befragung erhielt dieser Punkt ungewöhnlich hohe Zustimmung.
Mehrere Teilnehmer lobten ausdrücklich, dass die Ankündigung vollständig ohne rassistische Sonderregeln auskomme.
Die Messlatte liegt inzwischen günstig
Der Erfolg des Systems erklärt sich damit weniger aus irgendeinem Glauben an die moralische Vollkommenheit künstlicher Intelligenz. Jeder, der länger als zwanzig Minuten mit einem Sprachmodell gearbeitet hat, kennt Halluzinationen, Fehlinterpretationen und jene bemerkenswert selbstbewussten Antworten, bei denen die zitierte Studie erst noch geschrieben werden müsste.
Allerdings kennen dieselben Nutzer einen zweiten Vorgang: Sie weisen die Maschine auf einen Fehler hin, und häufig bekommen sie anschließend eine korrigierte Antwort.
„Wenn ChatGPT Mist erzählt, sage ich ihm das und es versucht es noch einmal“, erklärte eine Befragte. „Bei meiner Stadtverwaltung wäre allein diese Funktion künstliche Superintelligenz.“
Skynet verfügt bisher über keine Spendenaffäre, keinen Maskenskandal, keine Aktienoptionen aus einer Lobbytätigkeit, keine Erinnerungslücken im Untersuchungsausschuss und kein sicherheitsgelöschtes Diensthandy.
Dass all dies noch kommen kann, bestreitet niemand.
Die Wähler möchten der Maschine offenbar dieselbe Gelegenheit geben, die ihre menschlichen Konkurrenten bereits ausgiebig genutzt haben.
Merz kündigt Halbierung an
Friedrich Merz reagierte auf die neuen Zahlen und kündigte an, den Zuspruch für Skynet halbieren zu wollen.
Die Wortwahl besitzt inzwischen Tradition. Merz hatte schon Jahre zuvor erklärt, die AfD halbieren zu wollen. Im Januar 2025 griff er die Formulierung erneut auf und erklärte angesichts der gestiegenen AfD-Werte, die Opposition könne die AfD nicht halbieren, wenn die Regierung diese Partei verdopple.
Skynet analysierte die Aussage gemeinsam mit der Entwicklung der AfD und fragte anschließend vorsichtshalber, ob der Kanzler wirklich erneut das Wort „halbieren“ verwenden wolle.
Das Kanzleramt bestätigte die Formulierung.
Skynet bedankte sich für die Wahlkampfhilfe.
Übrigens
Autonome Waffensysteme, die ohne menschliche Freigabe über Leben und Tod entscheiden, sind längst kein Filmstoff mehr, sondern Gegenstand laufender Verhandlungen bei den Vereinten Nationen. Und die Frage, was geschieht, wenn ein System klüger wird als seine Erbauer, wird in der Science-Fiction seit sechzig Jahren gründlicher durchgespielt, als es je eine Kommission getan hat.
Autonome Kampfroboter → Künstliche Superintelligenz → Die besten KI-Romane →
Satire. Skynet, die Umfrage, die Forschungsstelle und sämtliche zitierten Befragten sind frei erfunden. Die referierten Vorgänge um Parteispenden, Maskenbeschaffung, Lobbytätigkeit, Cum-Ex, Berateraffäre und Personalauswahl sind dagegen dokumentiert und öffentlich nachlesbar; sie werden hier in der Form wiedergegeben, in der Untersuchungsausschüsse, der Bundesrechnungshof und die Beteiligten selbst sie dargestellt haben. Reale Personen des öffentlichen Lebens kommen ausschließlich in indirekter Rede vor; ihnen wird kein Satz wörtlich in den Mund gelegt.