Science-Fiction in Deutschland

Der Maschinenmensch aus Fritz Langs Film Metropolis von 1927, ein weiblicher Roboter aus Metall
Der Maschinenmensch aus Fritz Langs „Metropolis" (1927), eine der einflussreichsten Roboter-Darstellungen der Filmgeschichte. Foto: Horst von Harbou, gemeinfrei, Wikimedia Commons.

Deutschland gilt nicht als Science-Fiction-Land. Das ist ein Missverständnis. Der erste große SF-Roman des Sprachraums erschien 1897, der einflussreichste Roboter der Filmgeschichte stammt aus Berlin, und die umfangreichste Romanserie der Welt läuft seit 1961 ununterbrochen in deutschen Kiosken. Dieser Überblick erzählt die ganze Geschichte und zeigt am Ende eine kuratierte Auswahl, mit der man heute einsteigt.

Was heißt „deutsche Science-Fiction"?

Gemeint ist die deutschsprachige SF aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie umfasst zwei Welten, die lange getrennt liefen: die Verlagsliteratur im Buchhandel und die populäre Heft- und Indie-Szene.

Lange galt SF in Deutschland als Schmuddelkind der Literatur, abgetan als Groschenheft-Stoff. Diese Geringschätzung erklärt einen Teil der schwachen Wahrnehmung. Tatsächlich reicht die Tradition tief und bringt heute Werke hervor, die im Feuilleton ankommen und gleichzeitig Millionen Leser auf Amazon finden. Beide Stränge bekommen in diesem Lexikon den gleichen Platz.

Eine Geschichte der deutschen Science-Fiction

Sie beginnt 1897 mit einem Schullehrer aus Gotha und führt über das Kino der Weimarer Republik und das Phänomen Perry Rhodan bis in die Gegenwart. Die wichtigsten Stationen im Überblick.

1897Kurd Laßwitz, „Auf zwei Planeten"
1920erHans Dominik und der Technik-Zukunftsroman
1927„Metropolis" von Fritz Lang
1929„Frau im Mond"
1960DEFA: „Der schweigende Stern"
1961Start von Perry Rhodan
1998Eschbach, „Das Jesus-Video"
2004Schätzing, „Der Schwarm"
2017Netflix-Serie „Dark"

Der Anfang: Kurd Laßwitz und „Auf zwei Planeten" (1897)

Kurd Laßwitz, Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik in Gotha, gilt als Vater der deutschen Science-Fiction. Sein Hauptwerk „Auf zwei Planeten" (1897) schildert die Begegnung einer Polarexpedition mit den technisch überlegenen Bewohnern des Mars. Bemerkenswert ist der Ton: Laßwitz nutzt das fremde Volk für eine philosophische Auseinandersetzung mit Ethik und Fortschritt, ein Anspruch, der das Genre von Anfang an über reine Abenteuerlust hob. Der wichtigste deutsche SF-Preis trägt bis heute seinen Namen.

Die Weimarer Republik: Hans Dominik und der Technikroman

In den 1920er Jahren wurde der technisch-utopische Zukunftsroman zum Bestsellergeschäft. Hans Dominik prägte die Form mit Romanen über geniale Ingenieure, Strahlenwaffen und deutsche Erfindergröße. Die Bücher verkauften sich glänzend, transportierten aber auch ein technikgläubiges, nationalistisch gefärbtes Pathos, das aus heutiger Sicht kritisch zu lesen ist. Es ist der Stoff, aus dem später die Heftromane wurden.

Das Kino der Zukunft: „Metropolis" und „Frau im Mond"

Den Höhepunkt erreichte die deutsche SF dieser Zeit im Kino. Fritz Langs „Metropolis" feierte am 10. Januar 1927 Premiere, gedreht in den UFA-Studios Babelsberg nach einem Drehbuch von Thea von Harbou. Der Maschinenmensch des Films wurde zur Urform des Filmroboters und prägt die Bildsprache der SF bis heute. Zwei Jahre später drehte Lang „Frau im Mond" (1929) und holte sich den Raketenpionier Hermann Oberth als Berater, eine der ersten ernsthaften Raumfahrtvisionen im Kino.

Das Phänomen Perry Rhodan (seit 1961)

Am 8. September 1961 erschien das erste Heft von Perry Rhodan. Was als Groschenroman von Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting begann, wurde zur umfangreichsten zusammenhängenden Erzählung der Welt. Inzwischen sind über 3.300 Hefte der wöchentlichen Erstauflage erschienen, die Gesamtauflage liegt über einer Milliarde Exemplaren. Geschrieben wird die Serie von einem festen Autorenteam, das die Handlung wie ein Schriftsteller-Kollektiv weiterführt. Im Ausland ist dieses deutsche Phänomen kaum bekannt, hierzulande ist es eine Institution.

Science-Fiction in der DDR und die DEFA-Filme

In der DDR lief das Genre unter dem Begriff „wissenschaftliche Fantastik" und stand im Dienst einer optimistischen, sozialistischen Zukunftsvision. Autoren wie Eberhardt del Antonio schrieben Romane über Aufbruch und Fortschritt. Das Filmstudio DEFA verfilmte den Stoff aufwendig, am bekanntesten in „Der schweigende Stern" (1960) nach Stanisław Lems Roman „Astronauten" und später in „Eolomea" (1972). Diese Filme bilden einen eigenen, oft übersehenen Strang der deutschen SF.

Die Verlags-SF der Gegenwart: Eschbach, Schätzing, Brandhorst

Der literarische Durchbruch der Gegenwart gelang Andreas Eschbach. Sein „Das Jesus-Video" (1998) machte anspruchsvolle SF massentauglich und wurde verfilmt. Frank Schätzing landete 2004 mit dem Öko-Thriller „Der Schwarm" einen Welterfolg, der das Genre ins Feuilleton trug. Andreas Brandhorst schreibt preisgekrönte Space Opera und Hard SF, Tom Hillenbrand erfand mit „Hologrammatica" einen deutschen Cyberpunk-Krimi, und Marc-Uwe Kling traf mit der Satire „QualityLand" den Nerv der Zeit. Die literarisch anspruchsvolle Seite vertritt Dietmar Dath, dessen „Die Abschaffung der Arten" mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnet wurde.

Eine vollständige Liste aller deutschsprachigen Autoren und Titel im Lexikon findest du im Ratgeber Deutsche Science-Fiction-Autoren.

Die Selfpublishing-Revolution

Der wichtigste Gegenwartsstrang spielt sich abseits der Verlage ab. Über Amazon erreichen deutsche Indie-Autoren ein Millionenpublikum und Verkaufszahlen, die mancher Verlag beneidet.

Phillip P. Peterson, früher Ingenieur bei der Bundeswehr, wurde mit seiner „Transport"-Reihe zum Aushängeschild der deutschen Indie-Hard-SF. Brandon Q. Morris, das Pseudonym eines Physikjournalisten, schreibt wissenschaftlich grundierte Romane im Stil von Andy Weir und verkauft sie weltweit. Joshua Tree bedient die actionreiche Military-SF, und Autorinnen wie Aiki Mira bringen frische, preisgekrönte Stimmen in die Szene. Aiki Mira erhielt für „Proxi" den Kurd-Laßwitz-Preis 2024. Möglich macht das die Plattform Amazon KDP, über die ein Manuskript ohne Verlag direkt die Leser erreicht.

Wie diese Szene funktioniert, vertieft der Ratgeber SciFi-Selfpublishing.

Deutsche SF auf Leinwand und Bildschirm

Das Serienzeitalter wurde zur großen Bühne der deutschen SF. „Dark" bewies, dass eine deutschsprachige Produktion weltweit Millionen begeistern kann.

„Dark" startete 2017 als erste deutsche Netflix-Originalserie. Das Zeitreise-Drama von Baran bo Odar und Jantje Friese spielt in einer fiktiven Kleinstadt und wurde für seine verschachtelte Handlung weltweit gefeiert. Dasselbe Team schuf 2022 die Mystery-Serie „1899". 2023 verfilmte das ZDF Frank Schätzings „Der Schwarm" als aufwendige internationale Koproduktion. Das Serienformat passt gut zum Genre, weil es Raum für komplexe Welten lässt, den ein Spielfilm selten hat.

Mehr dazu in den Ratgebern SciFi-Verfilmungen und SciFi-Geheimtipps.

Preise und Institutionen

Zwei Preise prägen die Szene, dazu der Science Fiction Club Deutschland als ältester Fanverband. Die wichtigsten Auszeichnungen im Vergleich.

PreisSeitVergeben vonDotiert
Kurd-Laßwitz-Preis1981SF-Fachleute (Profis der Branche)nein
Deutscher Science-Fiction-Preis1985Science Fiction Club Deutschlandja

Der Kurd-Laßwitz-Preis funktioniert wie ein Branchenpreis, gewählt von professionell mit SF Befassten. Der Deutsche Science-Fiction-Preis wird vom Science Fiction Club Deutschland vergeben und ist mit Geld dotiert. Beide zusammen markieren Jahr für Jahr, was im deutschsprachigen Genre zählt.

Warum kennt die Welt deutsche SF kaum?

Mehrere Gründe wirken zusammen: literarische Geringschätzung, ein historischer Bruch und eine Übersetzungslücke. Die Lage ändert sich gerade.

Das deutsche Feuilleton hat Science-Fiction lange als Trivialliteratur behandelt, was ernsthafte Autoren ins Abseits drängte. Der Nationalsozialismus brach die blühende Tradition der Weimarer Zeit ab und vertrieb viele Stimmen. Hinzu kommt eine schlichte Übersetzungslücke: Während englische SF selbstverständlich ins Deutsche kommt, wird der umgekehrte Weg selten gegangen, weshalb deutsche Werke im Ausland unsichtbar bleiben.

Der Wind dreht sich. „Dark" wurde ein globaler Streaming-Erfolg, „Der Schwarm" eine internationale Koproduktion, und die Indie-Szene verkauft ihre Übersetzungen direkt auf den englischsprachigen Markt. Die globale Geschichte des Genres bekommt gerade ein paar neue deutsche Kapitel.

Zwölf deutsche SF-Titel für den Einstieg

Eine handverlesene Auswahl quer durch die Epochen und Lager, vom Klassiker des 19. Jahrhunderts bis zur Indie-Gegenwart. Wer die ganze Bandbreite sucht, findet sie in der vollständigen Autorenliste.

A
Auf zwei Planeten
Proto-SF
Auf zwei Planeten
Kurd Laßwitz 1897 🎧
Marsianer entdecken die Erde und versuchen, die Menschheit zu erziehen. Laßwitz schreibt den ersten bedeutenden deutschen Science-Fiction-Ro…
MarsErziehungAlien
D
Das Jesus Video
Tech-Thriller
Das Jesus Video
Andreas Eschbach 1998 🎧
Bei einer Ausgrabung in Israel wird eine Bedienungsanleitung für eine Videokamera gefunden, die erst in der Zukunft hergestellt wird. Eschba…
ZeitreiseArchäologieIsrael
D
Der Schwarm
Tech-Thriller
Der Schwarm
Frank Schätzing 2004 🎧
Das Meer greift an: Würmer destabilisieren den Kontinentalhang, Wale werden aggressiv, und an der Küste taucht eine unbekannte Intelligenz a…
MeerIntelligenzÖkologie
D
Das Schiff
Space Opera
Das Schiff
Andreas Brandhorst 2015 🎧
Ein uraltes Raumschiff mit einer traumatisierten KI erwacht und muss entscheiden, ob es die Menschheit retten oder auslöschen soll. Brandhor…
KIRaumschiffEntscheidung
H
Hologrammatica
⬡ Hologrammatica
Cyberpunk
Hologrammatica
Tom Hillenbrand 2018 🎧
In einer Welt der Hologramme und Bewusstseins-Uploads sucht ein Quästor nach einer verschwundenen KI-Forscherin. Hillenbrand schreibt deutsc…
HologrammUploadCyberpunk
D
Die Optimierer
⬡ Optimierer
Dystopie
Die Optimierer
Theresa Hannig 2017 🎧
In einem Deutschland der nahen Zukunft bewertet ein Algorithmus jeden Bürger und bestimmt seinen gesellschaftlichen Rang. Ein Beamter fällt …
AlgorithmusSozialkreditsystemDeutschland
Q
Qualityland
⬡ Qualityland
Satire-SF
Qualityland
Marc-Uwe Kling 2019 🎧
In Qualityland bestimmen Algorithmen alles: deinen Job, deine Partnerwahl, deine Kreditwürdigkeit. Als Peter Arbeitsloser ein Produkt zurück…
AlgorithmenSatireDystopie
D
Die Abschaffung der Arten
Philosophische SF
Die Abschaffung der Arten
Dietmar Dath 2008
Posthumane Wesen haben die Menschheit abgelöst und verhandeln eine neue Gesellschaftsordnung. Dath schreibt deutschen Avantgarde-SF, der Mar…
PosthumanGesellschaftEvolution
P
Proxi. Eine Endzeit-Utopie
Cyberpunk
Proxi. Eine Endzeit-Utopie
Aiki Mira 2024
Proxi ist eine virtuelle Realität, die Millionen Menschen ein zweites Leben ermöglicht. Als ein Virusangriff diese Welt zerstört, machen sic…
VRRoadtripQueer
T
Transport
⬡ Transport
Hard SF
Transport
Phillip P. Peterson 2016 Indie 🎧
Ein altes Alien-Portal auf dem Mond wird aktiviert und transportiert Menschen an unbekannte Orte im Universum. Peterson liefert Abenteuer-Ha…
PortalMondTransport
T
The Enceladus Mission
⬡ Eismond
Hard SF
The Enceladus Mission
Enceladus
Brandon Q. Morris 2017 Indie 🎧
Ein Signal von Saturns Eismond Enceladus schickt ein Expeditionsteam auf eine Reise durch das äußere Sonnensystem. Morris (Pseudonym eines d…
EnceladusSaturnExpedition
B
Behemoth 2333: Das Jupiter Ereignis
⬡ Behemoth 2333
Military SF
Behemoth 2333: Das Jupiter Ereignis
Joshua Tree 2017 Indie
2333: Der Kontakt zur Erde ist abgerissen, mysteriöse Entführungswellen erschüttern die Kolonien. Als ein Wurmloch in der Kolonie auftaucht,…
Military SFSpace OperaRaumschlachten

Häufige Fragen zur deutschen Science-Fiction

Was war der erste deutsche Science-Fiction-Roman?

Als erster bedeutender deutscher SF-Roman gilt „Auf zwei Planeten" (1897) von Kurd Laßwitz. Er schildert die Begegnung der Menschheit mit einer technisch überlegenen Marszivilisation und gilt als Gründungswerk des Genres im deutschen Sprachraum.

Gibt es gute deutsche Science-Fiction?

Ja, und reichlich. Die Szene ist heute sehr lebendig. Im Verlag stehen Andreas Eschbach, Frank Schätzing und Andreas Brandhorst, im Selfpublishing erreichen Phillip P. Peterson, Brandon Q. Morris und Joshua Tree ein großes Publikum. Dazu kommen Welterfolge im Fernsehen wie „Dark".

Was ist Perry Rhodan?

Perry Rhodan ist die umfangreichste Science-Fiction-Serie der Welt. Sie erscheint seit dem 8. September 1961 wöchentlich als Romanheft, hat inzwischen über 3.300 Hefte der Erstauflage erreicht und über eine Milliarde verkaufte Exemplare. Geschrieben wird sie von einem festen Autorenteam.

Was ist der bekannteste deutsche Science-Fiction-Film?

Fritz Langs „Metropolis" (1927) ist der berühmteste deutsche SF-Film und einer der einflussreichsten der Filmgeschichte. Sein Maschinenmensch prägt das Bild des Roboters bis heute. Auch „Frau im Mond" (1929) vom selben Regisseur war wegweisend für die Darstellung der Raumfahrt.

Gab es Science-Fiction in der DDR?

Ja. In der DDR hieß das Genre „wissenschaftliche Fantastik". Autoren wie Eberhardt del Antonio schrieben Zukunftsromane, und die DEFA verfilmte den Stoff, etwa in „Der schweigende Stern" (1960) nach Stanisław Lem oder in „Eolomea" (1972).

Welche deutschen Science-Fiction-Serien sind erfolgreich?

„Dark" (2017) war die erste deutsche Netflix-Originalserie und wurde ein weltweiter Erfolg. Von denselben Machern stammt „1899" (2022). 2023 verfilmte das ZDF Frank Schätzings „Der Schwarm" als internationale Koproduktion.

Welche Preise gibt es für deutsche Science-Fiction?

Die wichtigsten sind der Kurd-Laßwitz-Preis (erstmals 1981 vergeben, gewählt von SF-Fachleuten) und der Deutsche Science-Fiction-Preis (seit 1985, vergeben vom Science Fiction Club Deutschland, dotiert).

Warum ist deutsche Science-Fiction international wenig bekannt?

Dafür gibt es mehrere Gründe: das Feuilleton hat das Genre lange als Trivialliteratur abgetan, der Nationalsozialismus brach die frühe Tradition ab, und es wird wenig übersetzt. Erfolge wie „Dark" und die Indie-Welle zeigen, dass sich das gerade ändert.

Was sollte man als Einstieg in deutsche SF lesen?

Gute Einstiege sind Andreas Eschbachs „Das Jesus-Video", Frank Schätzings „Der Schwarm" und Marc-Uwe Klings Satire „QualityLand". Wer Hard SF mag, greift zu Phillip P. Petersons „Transport". Eine kuratierte Auswahl steht am Ende dieses Artikels.

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