Kurzgeschichte · 3 Min. Lesezeit
Mon Assassin
von Oliver Jung-Kostick
Es darf nur am Leben bleiben (Assassini), wer einen älteren Menschen tötet (Termini)
Alles in allem war die Zustimmung zur eigenen Ermordung eine Wette mit gar nicht so schlechten Chancen. Die meisten fuhren gut damit ...
In der zweiten Stufe wurde verfügt, dass ein jeder der Termini seinen Assassinen zu kennen habe; dies hielt man für unumgänglich, da aufgrund der knapper werdenden Ressourcen nur neue Geburten erlaubt wurden, wenn dafür ältere Mitglieder der Gesellschaft im oben beschriebenen Wege abtraten. Im Alter von 20 hatte der Assassin seinen Termini zu eliminieren – oder seine Geburt wurde postnatal rückgängig gemacht. Diese Verknüpfung war ehrlich. Und sie war auch viel persönlicher. Studien bewiesen, dass die Termini leichter gingen, wenn sie wussten, durch wen sie quasi „ersetzt“ wurden. Obwohl das ganz eng gesehen so ja nicht zutraf …
Anfänglich skeptisch beäugt, etablierten sich immer intensivere Sozialkontakte zwischen Assassini und Termini; diese schienen letzteren dabei zu helfen, ohne Groll oder Wehmut aus dem Leben zu scheiden, ja, durch die enge Verbundenheit mit den Neugeborenen sozusagen einen Teil von sich durch Vorleben zu vererben.
Anfänglich ging alles gut. Lange sogar. Doch dann traten Fälle auf, in denen Termini ihre Assassini ermordeten – offenbar in der irrigen Hoffnung, dann ewig weiterleben zu dürfen (was natürlich totaler Quatsch war, denn man wählte einfach einen anderen Assassinen aus). Sicherlich waren es nicht viele Vorkommnisse dieser Art, aber jedes für sich war schon verstörend genug. Allerdings wurde die destruktive Auswirkung dieser ungeheuerlichen Morde durch einen anderen, völlig unvorhersehbaren Fall getoppt: Eines der Assassinenkinder weigerte sich, den ihm zugeteilten Termini zu töten, als der vorbestimmte Zeitpunkt gekommen war. Stattdessen erschoss es den Notar, der zur Bestätigung der ordnungsgemäßen Terminierung standardmäßig anwesend war, und floh mit dem zu terminierenden Mann in die Badlands.
Die Schockwelle riss größere Löcher in das soziale Gespinst, das bislang alle und alles so schön zusammengehalten hatte. Was also tun? – Die Badlands waren, wie der Name schon sagte, alles andere als ein Ponyhof. Das Problem konnte sich daher eher früher als später von selbst erledigen. Und sicherlich wäre diese unerhörte Begebenheit bald vergessen. Aber konnte die Gesellschaft, vertreten durch die staatlichen Strafverfolgungsbehörden, einfach so vom staatlichen Strafanspruch lassen?
Es wurde hin und her diskutiert. Dann beschlossen, den Flüchtigen eine Kohorte von Enforcern hinterherzuschicken, die die korrekte Umsetzung der Terminierung sicherstellen und die Flüchtigen zurückbringen sollten … Einen lebendig, den anderen tot.
Niemand hörte je wieder etwas von den Enforcern oder den Flüchtigen. Dieser Umstand – vielleicht noch mehr als der ursprüngliche Vorfall, der die Verfolgung auslöste, wuchs unter den Zurückbleibenden wie ein Geschwür. Seine Metastasen zernagten das Assassinenkonzept, obwohl eigentlich niemand genau begründen konnte, was das eine mit dem anderen grundsätzlich zu tun haben sollte.
Drei Generationen später gab man das Konzept der verflochtenen Geburten und Todesfälle auf. Jetzt durfte wieder nach Herzenslust das Lebensende abgewartet werden. Die medizinische Betreuung wurde auf das Maß vor dem Assassinenkonzept zurückgefahren. Das Gedaddel auf Smartphones und Spielekonsolen, das Rumgeeiere bei Lebensentscheidungen, selbst das redundante Geplapper und Trash-TV kamen zurück, als hätte es nie eine Zeit gegeben, wo man deren Abwesenheit schätzen gelernt hätte.
Das war vielleicht das Traurigste daran.
ENDE