Autonome Drohne
Unbemannte Fluggeräte mit eigener Entscheidungsfähigkeit: In der Realität bereits auf dem Schlachtfeld angekommen, in der Science Fiction seit Jahrzehnten als ethisches Dilemma verhandelt.
Im Bergkarabach-Konflikt 2020 setzten aserbaidschanische Streitkräfte erstmals in großem Maßstab autonome Kampfdrohnen ein. Türkische Bayraktar TB2 und israelische Harop-Kamikaze-Drohnen zerstörten Panzer, Luftabwehrstellungen und Artillerie der armenischen Seite. Der Krieg dauerte 44 Tage und endete mit einem klaren Sieg der technologisch überlegenen Seite. Militäranalysten weltweit begannen danach, die Rolle autonomer Systeme in der modernen Kriegsführung grundlegend neu zu bewerten.
Seitdem hat sich die Entwicklung beschleunigt. Im Ukraine-Krieg, der 2022 begann, werden autonome und halbautonome Drohnen in Zahlen eingesetzt, die noch wenige Jahre zuvor als unrealistisch galten. Kleine, in improvisierten Werkstätten gebaute FPV-Drohnen kosten wenige hundert Euro pro Stück und werden gegen Panzer eingesetzt, die Millionen kosten. Die KI-Komponenten dieser Systeme werden immer leistungsfähiger: Zielerfassung, Schwarmkoordination und die Fähigkeit, auch bei Störung der Funkverbindung autonom weiterzuoperieren.
Die ethische Debatte um autonome Waffen reicht tiefer als die Frage nach militärischer Effizienz. Wenn eine Maschine selbständig entscheidet, auf ein Ziel zu feuern, wer trägt dann die Verantwortung? Der Programmierer? Der Befehlshaber? Der Hersteller? Das Völkerrecht verlangt, dass bei jedem Angriff ein Mensch die Verantwortung übernimmt. Aber bei Schwärmen von hunderten Drohnen, die in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, wird diese Anforderung zunehmend fiktiv.
Die Science Fiction hat dieses Szenario lange vorhergesehen. Philip K. Dicks Second Variety (1953) beschreibt sich selbst replizierende Kampfroboter, die im Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzt werden und dann beginnen, eigene Ziele zu verfolgen. James Camerons Terminator-Reihe (ab 1984) machte die KI-gesteuerte Vernichtungsmaschine zum Mainstream-Albtraum. Daniel Suarez' Kill Decision (2012) ist einer der realistischsten Technothriller zum Thema und beschreibt einen Konflikt um schwarmfähige autonome Drohnen, die von einer KI gesteuert werden, die ihr Jagdverhalten von Ameisen und Wespen gelernt hat.
Iain M. Banks' Kultur-Romane bieten die utopische Gegenposition: In seiner posthumanen Zivilisation sind autonome Drohnen (dort einfach Drohnen genannt) vollwertige Bürger mit eigener Persönlichkeit, eigenem Humor und eigenen Rechten. Banks zeigt, dass autonome Maschinen nicht zwangsläufig Waffen sein müssen. Ob sie es werden, ist eine politische Entscheidung, keine technologische Unvermeidlichkeit.
Die Vereinten Nationen verhandeln seit 2014 über ein mögliches Verbot vollautonomer Waffensysteme (LAWS, Lethal Autonomous Weapons Systems). Bisher ist keine bindende Regelung zustande gekommen. Die großen Militärmächte blockieren wirksame Verbote, während die Technologie schneller voranschreitet als die Diplomatie.
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