Autopoiesis
Biologisches Konzept: Ein lebendes System erzeugt und erhält sich ständig selbst und definiert dadurch die Grenze zwischen sich und seiner Umwelt.
Autopoiesis (griechisch: autos = selbst, poiein = machen) wurde 1972 von den chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela geprägt. Ein autopoietisches System produziert die Bestandteile, aus denen es besteht, fortwährend selbst. Eine Zelle erzeugt ihre Membran, ihre Enzyme und ihre DNA-Reparaturmechanismen aus den Rohstoffen, die sie aus ihrer Umgebung aufnimmt. Durch diese Selbstproduktion definiert sie die Grenze zwischen Innen und Außen und erhält sich als Einheit.
Das Konzept hatte Einfluss weit über die Biologie hinaus. Der Soziologe Niklas Luhmann übertrug Autopoiesis auf soziale Systeme: Eine Wirtschaft produziert wirtschaftliche Operationen, ein Rechtssystem produziert rechtliche Entscheidungen, eine Wissenschaft produziert wissenschaftliche Erkenntnisse. Jedes System ist operational geschlossen und reproduziert sich aus seinen eigenen Elementen.
Für die Science Fiction stellt Autopoiesis eine zentrale Frage: Ist eine Maschine, die sich selbst reproduziert und wartet, lebendig? Von-Neumann-Sonden (selbstreplizierende Raumsonden) wären nach dem Autopoiesis-Kriterium lebendig, obwohl sie aus Metall und Software bestehen. In Peter Watts Echopraxia taucht die Frage auf, ob ein biologisches System ohne Bewusstsein, aber mit Autopoiesis, mehr Anspruch auf den Status des Lebendigen hat als ein bewusstes System ohne Selbstreproduktion.
Autopoiesis ist auch ein Kriterium für die Astrobiologie: Wenn wir auf einem fremden Planeten ein System finden, das sich autopoietisch erhält, wäre das ein starker Hinweis auf Leben.
Die Systemtheorie Niklas Luhmanns hat Autopoiesis auf eine Weise weitergeführt, die für die Science Fiction besonders fruchtbar ist. Luhmann sagt: Soziale Systeme sind autopoietisch, nicht weil Menschen sich reproduzieren, sondern weil Kommunikation aus Kommunikation entsteht. Eine Gesellschaft erzeugt ihre eigenen Strukturen und Grenzen durch die Art, wie sie kommuniziert. Das bedeutet: Eine außerirdische Gesellschaft zu verstehen hieße, ihr Kommunikationssystem zu verstehen, nicht ihre Biologie.
Für die Frage, was 'künstliches Leben' eigentlich wäre, liefert Autopoiesis das schärfste Kriterium. Ein Roboter, der Treibstoff aufnimmt und Befehle ausführt, ist nicht autopoietisch: Er produziert sich selbst nicht. Ein System, das seine eigenen Komponenten erzeugt, seine eigene Grenze definiert und sich gegen Störungen erhält, käme dem Kriterium näher. Conway's Game of Life enthält Muster, die sich selbst replizieren. Ob das Autopoiesis ist, ist eine philosophische Frage, die die Grenzen unserer Lebensdefinition testet.
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