Ballardian
Ein Adjektiv, das die verstörende, surreale Ästhetik des britischen Autors J.G. Ballard beschreibt: dystopische Landschaften, psychologischer Zerfall und die dunkle Faszination des modernen Menschen für seine eigene Zerstörung.
James Graham Ballard (1930-2009) prägte die Science-Fiction so nachhaltig, dass sein Name zum Adjektiv wurde. 'Ballardian' beschreibt laut dem Collins English Dictionary 'resembling or suggestive of the conditions described in Ballard's novels and stories, especially dystopian modernity, bleak man-made landscapes, and the psychological effects of technological, social or environmental developments.' Das Wort wurde 2008 offiziell ins Wörterbuch aufgenommen.
Ballards frühe Romane (The Drowned World, 1962; The Burning World, 1964; The Crystal World, 1966) beschreiben Umweltkatastrophen, auf die seine Protagonisten nicht mit Widerstand, sondern mit einer Art verzückter Hingabe reagieren. Die Erde ertrinkt, verdorrt, kristallisiert, und die Menschen gehen in die verwandelte Landschaft hinein, statt vor ihr zu fliehen. Ballard nannte dies die 'psychic transformation of the landscape': Die äußere Katastrophe spiegelt eine innere Sehnsucht nach Auflösung wider.
Mit Crash (1973) verschob Ballard seinen Fokus von der Natur auf die Technologie. Der Roman beschreibt eine Gruppe von Menschen, die sexuelle Erfüllung in Autounfällen suchen. Das Buch wurde bei Erscheinen als pornografisch abgelehnt, gilt heute aber als prophetische Analyse der Verschmelzung von Technologie, Körper und Begehren. David Cronenberg verfilmte den Roman 1996. High-Rise (1975) erzählt vom sozialen Zerfall in einem Luxuswohnturm, wo die Bewohner in Stammeskonflikte zurückfallen.
Ballards autobiografischer Roman Empire of the Sun (1984), basierend auf seiner Kindheit in einem japanischen Internierungslager in Shanghai, zeigte die Wurzeln seiner Obsessionen: leere Schwimmbecken, verlassene Gebäude, die Schönheit der Zerstörung. Steven Spielberg verfilmte das Buch 1987.
Für die moderne Science-Fiction ist Ballard ein Schlüsselautor, weil er das Genre von der äußeren Erkundung (Weltraum, fremde Planeten) auf die innere Erkundung (Psyche, Gesellschaft, Körper) umleitete. Die New-Wave-Bewegung der 1960er, die Science-Fiction literarisch anspruchsvoller machen wollte, berief sich wesentlich auf Ballard. Autoren wie China Mieville, Jeff VanderMeer und M. John Harrison stehen in seiner Tradition.
Ballardian als Konzept geht über die Literatur hinaus. Architekten verwenden den Begriff für brutalistische Betonsiedlungen, die als utopische Projekte geplant waren und zu sozialen Brennpunkten wurden. Fotografen beschreiben verlassene Einkaufszentren, leere Autobahnen und verfallende Industrieanlagen als ballardian. Der Begriff erfasst eine spezifische Stimmung des 20. und 21. Jahrhunderts: die Erkenntnis, dass die Strukturen, die wir gebaut haben, um unser Leben zu verbessern, uns gleichzeitig entfremden.
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