Konzept

Bootstrap-Paradoxon

Zeitparadoxon, bei dem ein Objekt oder eine Information in einer Zeitschleife existiert, ohne jemals erschaffen worden zu sein.

Das Bootstrap-Paradoxon (auch ontologisches Paradoxon oder Kausalschleife) beschreibt eine Situation, in der etwas durch Zeitreise in die Vergangenheit geschickt wird und dort zum Ursprung seiner eigenen Existenz wird. Das Objekt oder die Information hat keinen erkennbaren Anfang. Es existiert, weil es existiert.

Das klassische Beispiel: Ein Zeitreisender bringt Beethoven einen Stapel Notenblätter mit Beethovens Symphonien. Beethoven kopiert die Noten und veröffentlicht sie als seine eigenen Werke. Wer hat die Symphonien komponiert? Beethoven hat sie nur abgeschrieben. Der Zeitreisende hat sie aus der Zukunft mitgebracht. Die Musik hat keinen Schöpfer, sie kreist endlos in einer kausalen Schleife.

In der Science Fiction ist das Bootstrap-Paradoxon allgegenwärtig. In Robert A. Heinleins 'All You Zombies' (1959, verfilmt als Predestination 2014) ist der Protagonist sein eigener Vater und seine eigene Mutter. In Doctor Who erklärt der Doktor das Paradoxon mit Beethovens Fünfter Symphonie. In Bill & Ted's Excellent Adventure nutzen die Protagonisten das Paradoxon pragmatisch: Sie erinnern sich daran, sich selbst Anweisungen in die Vergangenheit geschickt zu haben, und handeln danach.

Physikalisch ist das Bootstrap-Paradoxon umstritten. Es verletzt nicht die Konsistenz der Zeitlinie (anders als das Großvaterparadoxon), aber es verletzt die Kausalität: Jede Wirkung muss eine Ursache haben, und die Ursache muss zeitlich vor der Wirkung liegen. In einer Kausalschleife ist das nicht der Fall.

Der entscheidende Unterschied zum Großvater-Paradoxon ist subtil, aber wichtig. Das Großvater-Paradoxon ist logisch widersprüchlich und kann gar nicht passieren. Das Bootstrap-Paradoxon dagegen ist in sich vollkommen konsistent, es beißt sich nur mit unserem tiefen Gefühl, dass alles einen Ursprung haben muss. Nichts an der Beethoven-Schleife ist unmöglich, sie hat nur keinen Anfang. Und genau diese Anfangslosigkeit ist es, die uns das Hirn verknotet.

Damit rührt das Paradoxon an eine uralte philosophische und theologische Frage, die nach der unverursachten Ursache. Seit jeher fragen Menschen, was am Anfang der Kette stand, was die erste Bewegung auslöste. Das Bootstrap-Paradoxon zeigt, dass eine Kette ganz ohne erstes Glied logisch denkbar ist, etwas, das einfach besteht, ohne je geschaffen worden zu sein. Ob unsere Welt selbst so beschaffen ist, kann niemand sagen, aber das kleine Zeitreise-Rätsel stellt die größte Frage überhaupt in erstaunlich handlicher Form.