Technologie

Wurmloch

Wurmlöcher sind die eleganteste Abkürzung durch die Raumzeit, die die Physik zu bieten hat, theoretisch begründet von Einstein und im Kino populär geworden durch Interstellar. Ihre Realisierbarkeit steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Wurmloch
NASA's Goddard Space Flight Center/Jeremy Schnittman

Einstein, Rosen und der Tunnel, den niemand bestellt hatte

Die Geschichte beginnt 1935 in Princeton, und sie beginnt mit einem Zufallsfund. Albert Einstein und sein Assistent Nathan Rosen untersuchten die Schwarzschild-Lösung der Feldgleichungen und stießen dabei auf eine merkwürdige Eigenschaft: Zwei Schwarze Löcher konnten mathematisch durch eine Brücke in der Raumzeit verbunden sein. Die beiden Physiker suchten eigentlich nach etwas anderem. Sie wollten zeigen, dass Elementarteilchen als raumzeitliche Strukturen beschrieben werden können. Die Brücke war ein Nebenprodukt, das sie selbst nicht für physikalisch relevant hielten.

Das Problem: Ihre Brücke war nicht durchquerbar. Sie kollabierte schneller, als selbst Licht sie hätte passieren können. Ein Wurmloch im Sinne von Einstein und Rosen war wie eine Tür, die sich öffnet und sofort wieder zufällt. Erst Jahrzehnte später zeigte der Physiker John Archibald Wheeler, dass solche Strukturen in der Quantengravitation eine Rolle spielen könnten, und gab ihnen 1957 den Namen Wurmloch. Wheeler stellte sich vor, dass auf der Planck-Skala (10⁻³⁵ Meter) die Raumzeit von winzigen Wurmlöchern durchsetzt sein könnte, ein sogenannter Quantenschaum.

Die Einstein-Rosen-Brücke blieb für ein halbes Jahrhundert eine mathematische Kuriosität ohne praktische Bedeutung. Das änderte sich erst, als ein Romanautor bei einem Physiker anklopfte.

Lässt sich die Raumzeit durchbrechen? | ARTE

Sagan ruft Thorne an: Wie die Science Fiction die Physik anstieß

1985 schrieb Carl Sagan an seinem Roman Contact und brauchte ein wissenschaftlich halbwegs plausibles Transportmittel für interstellare Reisen. Schwarze Löcher fielen aus (sie würden jeden Reisenden durch Gezeitenkräfte zerreißen). Sagan rief seinen Freund Kip Thorne am Caltech an und fragte um Rat. Thorne nahm die Herausforderung an und entwickelte zusammen mit seinem Studenten Michael Morris eine völlig neue Klasse von Lösungen der Einsteinschen Feldgleichungen.

Ihr Paper Wormholes in Spacetime and Their Use for Interstellar Travel, veröffentlicht 1988 im American Journal of Physics, beschrieb erstmals ein stabiles, durchquerbares Wurmloch. Der Schlüssel war exotische Materie: ein Material mit negativer Energiedichte, das den Wurmlochschlund offen hält. Klingt nach Phantasie, ist es aber nicht ganz. Der Casimir-Effekt, 1948 vorhergesagt und 1997 von Steve Lamoreaux experimentell bestätigt, erzeugt tatsächlich negative Energiedichte zwischen zwei extrem eng beieinander liegenden Metallplatten. Allerdings in so winzigen Mengen, dass sie für ein makroskopisches Wurmloch bei Weitem nicht ausreichen würden.

Thorne und Morris berechneten auch die Gezeitenkräfte, die ein Reisender beim Durchqueren erfahren würde. Ihr Ergebnis: Mit der richtigen Geometrie könnte die Passage erstaunlich sanft verlaufen, vergleichbar mit einer Fahrt im Aufzug. Die Reisezeit durch den Schlund betrage nur Sekunden. Das alles unter der Voraussetzung, dass jemand genug exotische Materie auftreiben kann, um das Loch offen zu halten. Thornes Arbeit machte Einstein-Rosen-Brücken vom Rechenexempel zum ernsthaften Forschungsgegenstand.

Simulation einer Akkretionsscheibe um ein Schwarzes Loch, die zeigt, wie Licht durch extreme Raumzeitkrümmung verzerrt wird
NASA's Goddard Space Flight Center/Jeremy Schnittman

Wurmloecher in Film und Literatur: Nolan, Hamilton und The Expanse

Spoiler-Warnung: Dieser Abschnitt enthält Handlungsdetails aus Interstellar, der Commonwealth-Saga und The Expanse.

Christopher Nolans Interstellar (2014) setzte die Messlatte für die Darstellung von Wurmlöchern im Film. Die Crew der Endurance reist durch ein Wurmloch nahe dem Saturn, das eine unbekannte Zivilisation dort platziert hat. Kip Thorne, der nach Contact zum zweiten Mal die Physik lieferte, bestand darauf, dass die visuellen Effekte auf echten Berechnungen basierten. Das Ergebnis: Das Wurmloch erscheint als eine leuchtende Kugel, nicht als flacher Ring, weil es dreidimensional ist und Licht von der anderen Seite verzerrt hindurchscheint. Die Berechnungen des VFX-Teams führten zu einem wissenschaftlichen Paper in Classical and Quantum Gravity (2015). Nolan zeigte, dass Blockbuster-Kino und Gravitationsphysik sich nicht ausschließen müssen.

Peter F. Hamiltons Commonwealth-Saga (Pandora's Star, 2004; Judas Unchained, 2005) verwandelt Wurmlöcher in Infrastruktur. Züge fahren durch stabile Wurmloch-Tore zwischen Sternsystemen, interstellares Reisen ist so alltäglich wie Pendeln. Hamilton dreht die übliche SF-Erzählung um: Das Wurmloch ist kein gefährliches Portal ins Unbekannte, sondern Normalität. Die Spannung entsteht, als ein Wurmloch zu einem System geöffnet wird, in dem eine eingesperrte Alien-Rasse auf genau diese Gelegenheit gewartet hat.

In The Expanse öffnen die Ringstore ein Netzwerk aus über tausend Wurmlöchern, erbaut von einer längst ausgestorbenen Zivilisation. Plötzlich sind Hunderte bewohnbarer Welten erreichbar, und die politischen Konsequenzen sind gewaltig. Die Serie nutzt die Wurmlöcher nicht als Reisemittel, sondern als Katalysator für eine Erzählung über Kolonialismus, Machtverhältnisse und den Preis, den jede Expansion fordert. Auch in Hyperraum-Konzepten anderer Franchises schwingt die Grundidee des Wurmlochs mit: eine Abkürzung, die Regeln bricht.

Zeitreisen, Wurmlöcher und Relativität | Urknall, Weltall und das Leben

ER=EPR und die Quantenverbindung

2013 veröffentlichten Juan Maldacena und Leonard Susskind eine Hypothese, die zwei der rätselhaftesten Phänomene der Physik miteinander verknüpft: ER=EPR. Ihre These besagt, dass Einstein-Rosen-Brücken (ER, also Wurmlöcher) und quantenmechanische Verschränkung (EPR, benannt nach dem Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon von 1935) zwei Seiten derselben Medaille sind. Jedes Paar verschränkter Teilchen wäre demnach durch ein winziges Wurmloch verbunden.

Das klingt nach Science Fiction, hat aber einen ernsthaften theoretischen Kern. Sie löst elegant das sogenannte Firewall-Paradoxon, ein Problem, bei dem die Quantenmechanik und die Allgemeine Relativitätstheorie an Schwarzen Löchern in Widerspruch geraten. Wenn ER=EPR zutrifft, wäre die Raumzeit selbst aus verschränkten Quantenbits aufgebaut, und Wurmlöcher wären nicht exotische Ausnahmen, sondern die Grundbausteine der Geometrie des Universums.

2022 gelang einem Team um Maria Spiropulu am Caltech und Google ein bemerkenswertes Experiment: Sie simulierten auf dem Quantencomputer Sycamore ein holografisches Wurmloch, also ein Modell, das sich mathematisch wie ein durchquerbares Wurmloch verhält. Ein Qubit wurde an einem Ende eingespeist und erschien am anderen, wobei die Quanteninformation erhalten blieb. Das ist kein echtes Wurmloch in der Raumzeit, aber es zeigte, dass die mathematischen Strukturen hinter ER=EPR in einem Quantensystem tatsächlich funktionieren. Das Paper erschien im Dezember 2022 in Nature.

Für die Wurmloch-Physik bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Die Frage ist nicht mehr nur, ob exotische Materie existiert, sondern ob die Verbindung zwischen Quantenmechanik und Gravitation selbst wurmlochartige Strukturen erzeugt. Falls ja, könnten Wurmlöcher auf der fundamentalsten Ebene der Physik allgegenwärtig sein, allerdings auf der Planck-Skala und damit für interstellare Reisen völlig unbrauchbar.

Simulation der Raumzeitkrümmung nahe einem Schwarzen Loch
NASA's Goddard Space Flight Center/Jeremy Schnittman

Zeitmaschine, Chronologieschutz und offene Fragen

Thornes Berechnungen von 1988 enthielten eine brisante Konsequenz: Ein durchquerbares Wurmloch ließe sich theoretisch in eine Zeitmaschine umbauen. Das Prinzip ist vergleichsweise simpel. Man bewegt ein Ende des Wurmlochs mit hoher Geschwindigkeit und bringt es zurück. Durch die relativistische Zeitdilatation vergeht am bewegten Ende weniger Zeit als am ruhenden. Wer jetzt durch das Wurmloch geht, kommt nicht nur an einem anderen Ort heraus, sondern auch zu einem früheren Zeitpunkt. Thorne und seine Kollegen rechneten das Szenario explizit durch und fanden keine physikalischen Hürden, die es grundsätzlich verbieten würde.

Stephen Hawking war damit nicht einverstanden. 1992 formulierte er die Chronologie-Schutz-Vermutung (Chronology Protection Conjecture): Die Naturgesetze verhindern Zeitreisen in die Vergangenheit. Hawkings Argument stützte sich auf Quanteneffekte, die am Eingang einer Zeitmaschine divergieren würden, also ins Unendliche anwachsen. Die resultierende Energiedichte würde das Wurmloch zerstören, bevor es als Zeitmaschine funktionieren kann. Hawking formulierte das bewusst als Vermutung, nicht als Beweis, und schrieb, die Natur scheine eine Abneigung gegen Zeitreisen zu haben.

Ob Hawking recht hat, ist bis heute ungeklärt. Die Chronologie-Schutz-Vermutung setzt eine funktionierende Theorie der Quantengravitation voraus, die es noch nicht gibt. Solange Allgemeine Relativitätstheorie und Quantenmechanik nicht in einer einheitlichen Theorie zusammengeführt sind, bleibt die Frage, ob Wurmlöcher als Zeitmaschinen funktionieren könnten, formal unbeantwortet.

Physikalisch bleiben auch ohne Zeitmaschinen-Aspekt drei zentrale Probleme bestehen: Erstens existiert exotische Materie mit negativer Energiedichte bislang nur in mikroskopischen Mengen (Casimir-Effekt). Zweitens wäre ein natürlich entstandenes Wurmloch so winzig, dass nur subatomare Teilchen hindurchpassen würden. Drittens ist völlig unklar, wie man ein Wurmloch künstlich erzeugen könnte, selbst wenn alle theoretischen Voraussetzungen erfüllt wären. Zwischen Thornes eleganten Gleichungen und einem funktionierenden Wurmloch liegt ein Abgrund, den die Physik des 21. Jahrhunderts noch nicht einmal ansatzweise überbrücken kann. Die Frage, ob Wurmlöcher jemals mehr sein werden als mathematische Möglichkeiten, bleibt eine der faszinierendsten offenen Fragen der modernen Physik.

Aus dem Forum

Diskutiere diesen Begriff mit Lesern und Autoren im BuchKnall-Forum.

Im Forum diskutieren
Diesen Eintrag zitieren

Wurmloch. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/wurmloch/ (abgerufen am 17.06.2026).