Children of Time
Adrian Tchaikovskys preisgekrönter Roman verbindet Spinnenzivilisation, Evolution im Zeitraffer und das letzte Generationenschiff der Menschheit.
Spoiler-Warnung: Dieser Eintrag enthält Handlungsdetails aus Children of Time.
Adrian Tchaikovsky veröffentlichte 'Children of Time' 2015, 2016 gewann der Roman den Arthur C. Clarke Award. Ausgangspunkt ist ein Terraformingprojekt der Wissenschaftlerin Avrana Kern. Ein Virus soll auf einem vorbereiteten Planeten Affen kognitiv beschleunigen und eine neue intelligente Spezies hervorbringen. Durch Sabotage und Zusammenbruch der alten menschlichen Zivilisation verfehlt das Experiment sein Ziel und trifft stattdessen auf Spinnen.
Der Roman erzählt die Entwicklung der Portia-Spinnen über viele Generationen. Aus Jagd, Netzbau, Geschlechterkonflikt, Ameisenkontakt und religiöser Deutung entsteht eine eigenständige Zivilisation. Tchaikovsky leitet Kultur aus biologischen Besonderheiten ab: Spinnenkörper, Seide, Paarungsverhalten, kooperative Jagd und generationenübergreifende Lernformen prägen die Zivilisation der Portiiden. Kommunikation über Vibrationen, Werkzeuggebrauch über Seide und andere Körperlogik verändern Politik, Wissenschaft und Krieg auf dem Planeten.
Parallel dazu treibt das Generationenschiff Gilgamesh durch den Raum. Die Menschen an Bord stammen aus den Resten einer gescheiterten Zivilisation, verwalten knappe Ressourcen und suchen verzweifelt nach einem bewohnbaren Ziel. Kryoschlaf, Machtkämpfe und historischer Gedächtnisverlust machen das Schiff zu einer sozialen Druckkammer. Die Menschheit erscheint als beschädigte Überlebensgemeinschaft, deren technisches Erbe größer ist als ihre soziale Reife.
Die besondere Qualität des Romans liegt im Zusammenlaufen beider Linien. Der Kontakt zwischen Menschen und Spinnen ist kein einfaches Monster- oder Kolonie-Szenario. Beide Seiten haben Geschichte, Angst, technische Entwicklung und Missverständnisse. 'Children of Time' zeigt Evolution als Erzählmaschine: Viele kleine Anpassungen verdichten sich über lange Zeit zu fremder Intelligenz, Religion, Wissenschaft und Politik.
Avrana Kern ist dabei mehr als eine ferne Wissenschaftlerin. Ihr digitaler Rest wird zur Gottfigur eines Projekts, das sie selbst nicht mehr kontrolliert. Die Spinnen deuten Signale, Fehler und Eingriffe in religiösen und später wissenschaftlichen Kategorien. Dadurch entsteht eine zweite Evolutionslinie der Kultur: Aus Missverständnissen werden Mythen, aus Mythen werden Institutionen, aus Institutionen wird Forschung.
Der Roman spielt außerdem geschickt mit Ekel und Empathie. Spinnen sind für viele Menschen keine naheliegenden Identifikationsfiguren. Tchaikovsky nutzt genau diese Distanz, um Fremdheit umzubauen. Am Ende wirken die Spinnen oft vernünftiger, anpassungsfähiger und kooperativer als die Menschen. Das macht 'Children of Time' zu einem starken Gegenmittel gegen anthropozentrische SF, in der fremde Intelligenz nur als Spiegel menschlicher Überlegenheit dient.
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Children of Time. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/children-of-time-spieler-lesen/ (abgerufen am 06.06.2026).
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