Eigenbewegung
Die Eigenbewegung beschreibt, wie schnell sich ein Stern scheinbar vor dem Hintergrund ferner Sterne über die Himmelssphäre verschiebt, gemessen meist in Bogensekunden pro Jahr. Sie ist eine Schlüsselgröße für Entfernungsbestimmung und interstellare Navigation.
Die Sterne am Nachthimmel wirken auf den ersten Blick völlig unbeweglich, deshalb sprach man früher von Fixsternen. Tatsächlich bewegen sie sich aber alle, nur extrem langsam aus unserer Perspektive. Die Eigenbewegung ist das Maß für diese scheinbare jährliche Verschiebung eines Sterns relativ zu noch weiter entfernten Hintergrundobjekten. Sie wird in Bogensekunden pro Jahr angegeben und erfasst nur die Bewegung quer zur Sichtlinie. Die Bewegung auf uns zu oder von uns weg, die Radialgeschwindigkeit, gehört zu einer anderen Messgröße.
Den Rekord hält Barnards Stern, ein roter Zwerg in unserer kosmischen Nachbarschaft. Seine Eigenbewegung beträgt rund 10,3 Bogensekunden pro Jahr, was über ein Menschenleben hinweg etwa einem halben Vollmonddurchmesser entspricht. Edward Emerson Barnard maß diesen Wert 1916, und bis heute ist es die höchste bekannte Eigenbewegung überhaupt. Der Grund ist einfach: Barnards Stern ist sehr nah, und nahe Objekte scheinen sich schneller zu verschieben als ferne, genau wie ein vorbeifahrendes Auto am Straßenrand schneller wirkt als ein Flugzeug am Horizont.
Für die Astronomie ist die Eigenbewegung mehr als eine Kuriosität. In Kombination mit der Parallaxe, also der jährlichen Pendelbewegung durch die Erdumlaufbahn, und der Radialgeschwindigkeit lässt sich die wahre dreidimensionale Bewegung eines Sterns im Raum rekonstruieren. Daraus ergeben sich Entfernungen, Bahnen durch die Milchstraße und letztlich ein Verständnis davon, wie sich unsere Galaxie als Ganzes dreht und entwickelt. Die Raumsonde Gaia hat die Eigenbewegungen von über einer Milliarde Sternen vermessen und damit eine dynamische Karte der Galaxis geschaffen.
In der Science-Fiction wird die Eigenbewegung selten beim Namen genannt, spielt aber unter der Oberfläche eine große Rolle. Jede Geschichte über interstellare Reisen, die ein Mindestmaß an Realismus anstrebt, muss berücksichtigen, dass sich Zielsterne über Jahrtausende hinweg verschieben. Eine Generationenraumschiff-Crew, die einen Stern ansteuert, zielt nicht auf seine heutige Position, sondern auf den Punkt, an dem er nach Jahrhunderten Flug sein wird. Romane wie Kim Stanley Robinsons 'Aurora' oder die Hard-SF von Greg Egan denken solche Probleme bis ins Detail durch.
Auch für die Orientierung in der Tiefe des Raums ist das Konzept zentral. Ohne festen Bezugsrahmen müsste ein Raumschiff seine Position aus den Winkelpositionen und Eigenbewegungen bekannter Sterne berechnen, eine Art kosmisches GPS. Die Eigenbewegung verbindet damit reine Beobachtungsastronomie mit den ganz praktischen Fragen, die jede glaubwürdige Reise mit nahezu Lichtgeschwindigkeit aufwirft.
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