Grüner Goo
Ökophages Gegenstück zum Grauen Goo, bei dem sich biologische statt mechanischer Nanosysteme unkontrolliert vermehren und die Umwelt verschlingen.
Grüner Goo (englisch green goo) ist ein Katastrophenszenario der Nanotechnologie und der synthetischen Biologie. Es ist das ökophage Gegenstück zum bekannteren Grauen Goo. Während der Graue Goo aus außer Kontrolle geratenen mechanischen Nanomaschinen besteht, die sich endlos selbst vervielfältigen und dabei alle Materie verschlingen, setzt der Grüne Goo auf biologische Replikatoren. Statt winziger Roboter sind es gentechnisch hergestellte Organismen, Mikroben oder künstliche Lebensformen, die sich unkontrolliert vermehren und die Biosphäre auffressen. Das Wort ökophag bedeutet wörtlich umweltfressend und beschreibt genau diese Gefahr.
Um den Grünen Goo zu verstehen, hilft ein Blick auf den älteren Begriff. Der Graue Goo wurde vom Nanotechnologie-Pionier Eric Drexler in seinem 1986 erschienenen Buch Engines of Creation geprägt. Er beschrieb darin selbstvervielfältigende molekulare Maschinen, die theoretisch die gesamte Biomasse der Erde in Kopien ihrer selbst umwandeln könnten. Drexler bedauerte später, den Ausdruck überhaupt benutzt zu haben, weil er in der Öffentlichkeit übertriebene Ängste schürte und die seriöse Nanoforschung belastete. Aus dieser Debatte heraus entstand die Idee, dass die wahre Gefahr vielleicht gar nicht aus der Mechanik kommt, sondern aus der Biologie, die sich ohnehin seit Milliarden Jahren selbst vervielfältigt.
Genau hier liegt die unheimliche Pointe des Grünen Goo. Leben ist bereits ein selbstreplizierendes System, das keine futuristische Nanofabrik braucht. Eine gentechnisch veränderte Mikrobe, die in der freien Natur einen entscheidenden Überlebensvorteil hat und keine natürlichen Gegenspieler kennt, könnte sich theoretisch ungebremst ausbreiten. Der Sprung von der Laborkultur zur globalen Plage ist bei biologischen Systemen leichter vorstellbar als bei rein mechanischen, weil die Bausteine schon existieren und sich evolutionär anpassen können. Das macht den Grünen Goo für viele Fachleute zum plausibleren Schreckensbild.
In der Science Fiction ist der Grüne Goo ein dankbares Motiv für Geschichten über Biotechnologie, die der Kontrolle entgleitet. Wo der Graue Goo nach kalter Maschinenapokalypse klingt, hat der Grüne Goo etwas Organisches und Wucherndes, das an Schimmel, Algenteppiche oder einen alles überziehenden Dschungel erinnert. Ein einzelner Fehler im Labor, eine entwischte Kultur, ein zu robust konstruierter Organismus, und schon beginnt das Szenario. Diese Bilder treffen eine reale Sorge, denn synthetische Biologie und Genome-Editing entwickeln sich schnell und werfen die Frage auf, wie sich künstliche Lebensformen sicher einhegen lassen.
Der Grüne Goo verbindet damit zwei Stränge der spekulativen Technikangst. Aus der Nanotechnologie übernimmt er die Vorstellung der unaufhaltsamen Selbstvervielfältigung, aus der synthetischen Biologie die Tatsache, dass diese Vervielfältigung lebendig und anpassungsfähig wäre. Für Autorinnen und Autoren ist das eine ergiebige Mischung, weil sie eine Bedrohung schildern können, die nicht von Außerirdischen oder Maschinen ausgeht, sondern von der Hybris, das Leben selbst neu zu programmieren.
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