Konzept

Gott-der-Lücken

Argumentationsmuster, das ungeklärte Phänomene mit einer höheren Macht erklärt, in der Science Fiction oft auf Außerirdische statt auf Gottheiten übertragen.

Der Gott-der-Lücken (englisch god of the gaps) bezeichnet ein Argumentationsmuster, bei dem alles, was die Wissenschaft noch nicht erklären kann, mit dem Wirken einer höheren Macht gefüllt wird. Wo eine Wissenslücke klafft, wird Gott als Erklärung eingesetzt. Das Tückische daran ist, dass diese Erklärung schrumpft, je mehr die Forschung versteht. Was gestern noch als göttliches Eingreifen galt, etwa Blitz und Donner oder die Entstehung der Arten, wird heute naturwissenschaftlich beschrieben. Der Gott der Lücken zieht sich also mit jeder neuen Entdeckung ein Stück weiter zurück.

Der Begriff hat eine klare geistesgeschichtliche Herkunft. Populär gemacht hat das Argument im 19. Jahrhundert der schottische Evangelist Henry Drummond, der 1894 jene Gläubigen kritisierte, die in der Natur ständig nach Lücken suchen, um diese mit Gott auszufüllen. Drummond meinte das als Tadel an einem schwachen Glauben, nicht als Angriff auf den Glauben selbst. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer griff den Gedanken 1944 aus dem Gefängnis heraus auf und schrieb, wie falsch es sei, Gott als Lückenbüßer für die Unvollständigkeit unseres Wissens zu benutzen. Die genaue Formulierung god of the gaps prägte später der Wissenschaftler Charles Coulson in seinem 1955 erschienenen Buch Science and Christian Belief.

In der Science Fiction taucht dasselbe Muster auf, nur mit vertauschten Hauptfiguren. Statt Gottheiten füllen hier oft Außerirdische die Erklärungslücken. Wenn eine Geschichte uralte Bauwerke, rätselhafte Sprünge in der Menschheitsentwicklung oder unerklärliche kosmische Strukturen aufgreift, liegt die Versuchung nahe, sie mit einer überlegenen fremden Intelligenz zu erklären. Aus dem Gott der Lücken wird so ein Alien der Lücken. Das Schema bleibt dasselbe: Eine offene Frage wird durch eine nicht überprüfbare höhere Macht beantwortet, was die Frage scheinbar löst, sie in Wahrheit aber nur verschiebt.

Gerade beim Fermi-Paradoxon wird dieses Denken interessant. Die Frage, warum wir trotz unzähliger Sterne keine Außerirdischen sehen, lädt geradezu dazu ein, die Lücke mit Spekulation zu füllen. Manche Erklärungen schieben unbekannte galaktische Zivilisationen vor, die uns absichtlich verbergen oder beobachten, ohne dass es dafür einen Beleg gäbe. Das ist Gott-der-Lücken-Denken in moderner Verkleidung, und gute Science Fiction weiß das. Die spannendsten Werke spielen mit dem Reiz dieser einfachen Antwort und entlarven sie zugleich.

Für Erzählungen ist das Muster ein zweischneidiges Werkzeug. Es kann faul sein, wenn es jede Schwierigkeit der Handlung mit allmächtigen Aliens wegzaubert. Es kann aber auch klug eingesetzt werden, um zu zeigen, wie Menschen mit dem Unbekannten umgehen und wie schnell sie bereit sind, Wissenslücken mit Wunschdenken zu stopfen. Wer das Konzept kennt, erkennt es in vielen SF-Plots wieder und liest sie dadurch mit einem schärferen Blick.

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