Raumfahrttechnik

Oberth-Effekt

Ein Raketenmanöver ist effizienter, wenn es am tiefsten Punkt einer Umlaufbahn ausgeführt wird, also dort, wo das Raumfahrzeug am schnellsten fliegt. Dieses Prinzip macht Gravity Assists und Swing-by-Manöver so wirkungsvoll.

Oberth-Effekt
NASA/SSC

Der Oberth-Effekt beschreibt ein kontraintuitives Phänomen der Orbitmechanik: Ein Raketenantrieb gewinnt mehr Energie, wenn er bei hoher Geschwindigkeit zündet als bei niedriger. Der Effekt ist nach Hermann Oberth benannt, der ihn 1929 in seinem Werk Wege zur Raumschiffahrt mathematisch beschrieb.

Die Erklärung ist physikalisch: Die kinetische Energie eines Objekts steigt mit dem Quadrat der Geschwindigkeit (E = ½mv²). Wenn ein Triebwerk bei 10 km/s eine Geschwindigkeitsänderung von 1 km/s erzeugt, steigt die kinetische Energie deutlich stärker als bei derselben Geschwindigkeitsänderung ausgehend von 1 km/s. Der Treibstoffverbrauch ist in beiden Fällen identisch (gleiches Delta-v), aber der Energiegewinn unterscheidet sich erheblich.

Praktische Konsequenz: Manöver im Tiefpunkt einer elliptischen Umlaufbahn (Perizentrum) sind effizienter als am Hochpunkt (Apozentrum). Dort ist die Geschwindigkeit am größten. Raumsonden nutzen das systematisch: Sie fliegen dicht an einem Planeten vorbei (wo sie durch die Schwerkraft beschleunigt werden) und zünden genau im Moment der höchsten Geschwindigkeit ihr Triebwerk. Der Energiegewinn ist erheblich größer als bei einem Manöver im freien Raum.

Der Effekt erklärt auch, warum es energetisch sinnvoll sein kann, ein Raumschiff zuerst tiefer in ein Schwerkraftfeld fallen zu lassen, bevor man es beschleunigt, selbst wenn der Umweg kontraintuitiv erscheint. Die Cassini-Sonde nutzte mehrere solcher Manöver (Venus-Venus-Erde-Jupiter Gravity Assist), um Saturn zu erreichen.

Hermann Oberth (1894 bis 1989) gilt neben Konstantin Tsiolkowski und Robert Goddard als einer der drei Väter der modernen Raketentechnik. In Rumänien geboren, veröffentlichte er 1923 seine Doktorarbeit Die Rakete zu den Planetenräumen, die von der Universität Heidelberg abgelehnt wurde, aber zu einem der Gründungstexte der Raumfahrt wurde. Wernher von Braun war sein Schüler.