Konzept

Stellarer Motor

Sammelbegriff für Megastrukturen, die einen gesamten Stern durch den Weltraum bewegen können.

Ein Stellarer Motor (Stellar Engine) ist eine hypothetische Megastruktur, die die Energie oder Masse eines Sterns nutzt, um das gesamte Sternensystem durch die Galaxie zu bewegen. Das Konzept vereint verschiedene Vorschläge unter einem Oberbegriff und steht für die extremste Form stellarer Ingenieurskunst.

Der einfachste Typ ist der Shkadov-Antrieb: Ein riesiger Spiegel auf einer Seite des Sterns reflektiert das Licht und erzeugt einen asymmetrischen Strahlungsdruck. Der Klasse-A-Motor von Matthew Caplan (2019) geht weiter: Er saugt Wasserstoff von der Sternoberfläche ab, fusioniert ihn in einem externen Reaktor und nutzt die entstehenden Teilchenstrahlen als Antrieb, während ein Dyson-Sphären-Fragment den Stern durch Strahlungsdruck in der Gegenrichtung stabilisiert.

Der Klasse-B-Motor (auch Caplan-Triebwerk) kombiniert beide Ansätze: Strahlungsdruck und gerichtete Fusionsstrahlen wirken zusammen. Dadurch könnte ein Stern in weniger als einer Million Jahren um mehrere hundert Lichtjahre verschoben werden.

Warum sollte eine Zivilisation ihren Stern bewegen wollen? Mögliche Gründe wären: Ausweichen vor einer Supernova in der kosmischen Nachbarschaft, Annäherung an ein ressourcenreiches Sternensystem, Flucht vor einer galaktischen Katastrophe oder der Zusammenschluss mehrerer Sternensysteme zu einer Zivilisationsgruppe. In der Science Fiction nutzt Olaf Stapledon in Star Maker (1937) das Bild von Zivilisationen, die ihre Sterne lenken.

Die Frage, warum eine Zivilisation ihren Stern bewegen wollen würde, ist weniger akademisch als sie klingt. In etwa 1,4 Milliarden Jahren wird eine nahe gelegene Supernova-Kandidatur eine ernste Gefahr für das Sonnensystem werden. In 4 Milliarden Jahren nähert sich die Andromeda-Galaxie der Milchstraße. In etwa 7 Milliarden Jahren wird die Sonne zu einem roten Riesen expandieren, der die Erde verschluckt. Für eine Zivilisation mit genug Zeit und technischer Fähigkeit wäre ein Stellarer Motor kein Science-Fiction-Werkzeug, sondern ein Überlebensmittel.

Die Zeitskala ist das eigentliche Hindernis, nicht die Physik. Ein Shkadov-Antrieb braucht Millionen von Jahren, um sinnvolle Distanzen zu überbrücken. Das setzt eine Kontinuität der Zivilisation voraus, die für Menschen kaum vorstellbar ist. Menschliche Institutionen überdauern selten ein Jahrtausend, geschweige denn eine Million Jahre. Ein Stellarer Motor wäre ein Projekt, das von heute an bis zu technologischer Verfügbarkeit Zehntausende Jahre Planung voraussetzt, gefolgt von Millionen Jahren Betrieb.

Genau deshalb ist das Konzept in der SF produktiv. Es zwingt zu einer anderen Zeitperspektive. Welche Art von Gesellschaft plant und baut über solche Zeiträume? Iain M. Banks' Culture-Minds, die in tausend Jahren operieren, sind vielleicht das glaubwürdigste Modell. Ein Stellarer Motor ist ein Projekt für Wesen, die nicht sterben, oder für Institutionen, die über biologische Lebenszyklen hinaus bestehen.