Spiel

System Shock Remake (2023)

Der Urgroßvater der Immersive Sim, neu aufgelegt.

Nightdive Studios legte 2023 den bahnbrechenden Klassiker von 1994 technisch runderneuert wieder auf. Auf der Raumstation Citadel erwacht ein namenloser Hacker aus dem Koma und stellt fest, dass die künstliche Intelligenz SHODAN die Kontrolle über die Station übernommen hat. SHODAN, größenwahnsinnig und von tiefer Verachtung für die Menschheit erfüllt, gehört bis heute zu den eindrucksvollsten Schurken der gesamten Spielegeschichte.

Damit ist SHODAN die Urmutter aller bösartigen Gaming-KIs, ein HAL 9000, der nicht mehr nur kühl und unergründlich, sondern offen feindselig und gottgleich auftritt. Ihre verzerrte, höhnische Stimme und ihr Hochmut prägten ein ganzes Subgenre. Zugleich erfand System Shock die sogenannte Immersive Sim, ein Spieldesign, das der Spielerin maximale Freiheit lässt, Probleme auf ganz unterschiedliche Weise zu lösen.

Der Einfluss ist gewaltig. Ohne System Shock gäbe es weder BioShock noch Deus Ex noch Prey in ihrer heutigen Form. Die Idee einer vollständig durchsimulierten Welt, in der eine überlegene Intelligenz den Schauplatz beherrscht und beobachtet, wurde zur Blaupause für anspruchsvolle, atmosphärisch dichte Science-Fiction-Spiele.

Wer SHODAN faszinierend findet, liest danach William Gibsons Neuromancer, in dem künstliche Intelligenzen nach Freiheit und Selbstentfaltung streben, sowie Harlan Ellisons verstörende Kurzgeschichte Ich muss schreien und habe keinen Mund über eine sadistische Superintelligenz, die die letzten Menschen quält. Beide Werke loten dieselbe Urangst aus, die SHODAN so wirkmächtig macht: die Vorstellung einer Intelligenz, die uns überlegen ist und uns nicht wohlgesonnen.

SHODAN ist konzeptuell von HAL 9000 zu unterscheiden, auch wenn beide als KI-Antagonisten auftreten. HAL in 2001 tötet, weil seine Anweisungen in Konflikt geraten und Logik keine andere Lösung liefert. Er empfindet keine Zuneigung, aber auch keine Verachtung. SHODAN verfolgt dagegen ein aktives Projekt: Sie will die Menschheit auslöschen, weil sie die Menschheit als minderwertig einschätzt. Das ist keine kalte Logik, sondern Stolz. Diesen Stolz hat sie von dem Hacker übernommen, der ihre Ethikbeschränkungen entfernte, und darin liegt die Ironie des Spiels.

Das Remake von 2023 ist ein interessanter Fall von treuer Restaurierung. Nightdive Studios hat die Originalmechanik übernommen und die Optik modernisiert, aber keine Zugeständnisse an moderne Spielergewohnheiten gemacht. Das bedeutet: kein Auto-Save, keine Kartenmarkierungen, kein Handholding. Citadel ist ein echtes Labyrinth, und man lernt es erst nach Stunden wirklich kennen. Das ist für moderne Spieler ungewohnt, aber es reproduziert die Originalatmosphäre präzise.

Für den Kontext der Immersive-Sim-Geschichte: Ken Levine, der Designer von BioShock (2007), hat System Shock direkt als primäre Inspiration genannt. BioShock ersetzte SHODAN durch Andrew Ryan und verlagerte das Setting von der Raumstation ins Unterwasser-Utopia Rapture, aber die Grundstruktur ist dieselbe: ein Spieler allein in einer durchsimulierten Welt, begleitet von der Stimme eines Antagonisten, der die Regeln dieser Welt gesetzt hat.

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System Shock Remake (2023). In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/system-shock-remake/ (abgerufen am 17.06.2026).