Ausgabe № 03 · September 2026 · Das digitale SciFi-Magazin
Das erste Signal
Was passiert, wenn wir tatsächlich etwas empfangen, das nicht von hier stammt.
- Wer spricht eigentlich für die Erde?
- 74 Millionen Signale und kein Alien
- Erik Harlandt im großen Interview
- M13 und die Botschaft, die noch 24.950 Jahre unterwegs ist
- Buch des Monats, fair verlost
Was in dieser Ausgabe steht24 Rubriken · antippen zum Aufklappen
Editorial
Wir sind nicht bereit
Warum das ausbleibende Signal vermutlich ein Segen ist
»Wow!«, schrieb der Astronom Jerry R. Ehman an den Rand des ausgedruckten Frequenzbands, als das Big-Ear-Radioteleskop der Ohio State University am 15. August 1977 ein Signal auffing, das bis heute niemand erklären kann. Und machen wir uns nichts vor: Es war vermutlich ein Segen, dass sich daraus kein Erstkontakt entwickelt hat. Denn ich lehne mich an diesem Punkt, zu diesen ganz speziellen Zeiten, aus dem Boot und konstatiere: Wir sind nicht bereit.
Enrico Fermis Frage »Where is everybody?« ist damit vorerst gut beantwortet, denn wir haben hier noch ein paar Hausaufgaben zu machen, bevor wir hoffentlich doch noch kontaktiert werden und uns die ganz große Bühne abseits der blauen Kugel zuteilwird.
Das BuchKnall-Magazin 3 ist somit da, und ich freue mich sehr, dass die Leserinnen und Leser zahlreich sind, die Mailliste steigt und wir keine Selbstgespräche in der Echokammer führen müssen. Wir und die Autorinnen und Autoren.
Im Heft finden sich heute spannende Themen: die neuen SETI-Regeln für den Tag, an dem tatsächlich jemand antwortet, die Arecibo-Botschaft zum Selbstentschlüsseln, eine Kurzgeschichte im Erstabdruck, ein starkes Interview von Erik Harlandt, das neue Buch des Monats und ein wenig Allerlei aus der Welt der Fiktion, der Wissenschaft und der hohen Kunst des »über den Tellerrand Schauens«.
Ganz praktisch betrachtet wäre ein echter, öffentlich bekannter Erstkontakt ohnehin eher im letzten Heft zu verorten, in dem wir das »Ende der Welt« thematisiert haben.
Denn solche Nachrichten würden ganze Volkswirtschaften kippen lassen. In Zeiten, in denen ein Tweet oder eine reißerische Headline genügt, um ganze Unternehmen tief in rote Zahlen zu stürzen und damit passiv Existenzen zu zerstören, sind wir schlecht beraten, wenn wir uns einen Alienkontakt zu rosig vorstellen. Dafür müsste niemand mit Laserkanonen über unser Land ziehen; für das heillose Chaos würden wir schon selbst sorgen.
Oder sind wir womöglich bereits in Kontakt und es wird uns vorenthalten? Oder merken wir es schlicht nicht, dass wir seit Jahren kontaktiert werden? Fragen über Fragen. Lesen Sie doch ein bisschen weiter, vielleicht finden sich ja Antworten.
SV
Wenn morgen jemand antwortet
Im Juni 2026 hat die Internationale Astronautische Akademie ihre Regeln für den Fall eines außerirdischen Signals überarbeitet. Die alte Fassung stammte aus einer Welt, die soziale Netzwerke, generative KI und Deepfakes noch nicht kannte. Die neue muss erklären, wer der Menschheit eigentlich glauben soll.
Stell dir vor, es ist ein Donnerstag. Irgendwo läuft eine Pipeline durch, wie an jedem Tag, und irgendwo hebt sich in dieser Pipeline ein schmales Band aus dem Rauschen, das weder von einem Satelliten stammt noch von einem Radar oder einer Mikrowelle im Pausenraum. Die Person, die es zuerst sieht, wird als Erstes annehmen, dass sie einen Fehler gemacht hat. So arbeitet dieser Beruf. Und genau an dieser Stelle beginnt ein Verfahren, über das seit 1989 ein Papier existiert.
Dieses Papier heißt Declaration of Principles Concerning Activities Following the Detection of Extraterrestrial Intelligence und wurde vom SETI-Komitee der Internationalen Astronautischen Akademie verfasst. Zuletzt angefasst wurde es 2010. Damals gab es kein TikTok, generative Sprachmodelle waren ein Forschungsthema, und ein gefälschtes Video kostete ein Studio und zwei Wochen Arbeit. Eine Arbeitsgruppe der Akademie hat den Text seit 2022 überarbeitet, einen Entwurf 2024 auf dem Astronautischen Kongress in Mailand zur Diskussion gestellt und die neue Fassung im Juni 2026 verabschiedet.
Was dabei herausgekommen ist, liest sich stellenweise weniger nach Astronomie als nach Krisenkommunikation. Und das ist die interessanteste Beobachtung an dem ganzen Vorgang.
Zuerst: nichts sagen
Der härteste Satz der neuen Fassung betrifft die Verifikation. Laut SETI Institute soll keine öffentliche Bekanntgabe erfolgen, bevor ein Signal oder ein Artefakt von unabhängigen Organisationen mit anderer Instrumentierung streng bestätigt wurde. Anderes Teleskop, andere Elektronik, andere Menschen. Erst dann darf jemand vor ein Mikrofon treten.
Der Grund dafür steckt in der Geschichte des Feldes selbst. SETI hat eine lange Reihe von Kandidaten produziert, die sich am Ende als irdisch herausstellten. Das berühmteste Beispiel ist BLC-1, ein schmalbandiges Signal aus Richtung Proxima Centauri, das monatelang wie ein Treffer aussah und sich als Störung aus menschlicher Elektronik erklären ließ. Wer diesen Verlauf einmal mitgemacht hat, entwickelt eine gesunde Abneigung gegen frühe Pressemitteilungen.
Ein Signal, das nur eine einzige Anlage gesehen hat, ist kein Signal. Es ist eine Vermutung mit guter Presse.Die Leitlinie hinter der Verifikationsregel
Dann: die Menschen schützen, die es gefunden haben
Neu ist ein Abschnitt, den man in einem astronomischen Dokument nicht erwartet. Die überarbeiteten Protokolle nehmen laut SETI Institute ausdrücklich in den Blick, dass beteiligte Forschende mit Belästigung, Doxing und massivem Medienandrang rechnen müssen. Das ist eine bemerkenswerte Erweiterung des Gegenstands. Bis 2010 ging es um die Frage, wie man eine Entdeckung ordentlich meldet. Jetzt geht es auch um die Frage, wie die Person danach noch arbeiten kann.
Dazu kommt das, was die Fassung als komplexer gewordenes Informationsumfeld beschreibt: Deepfakes, automatisierte Falschmeldungen und die Tatsache, dass eine Behauptung heute in zwanzig Minuten um die Welt geht, während eine unabhängige Bestätigung Wochen braucht. Das Grundproblem hat sich damit umgedreht. Früher war die Sorge, dass niemand von einer echten Entdeckung erfährt. Heute ist die Sorge, dass eine erfundene Entdeckung schneller ist als die echte.
Und schließlich: wer darf antworten?
Hier wird der Text am deutlichsten. Auf ein bestätigtes Signal soll ohne breites internationales Einvernehmen keine Antwort gesendet werden, und die Abstimmung darüber soll laut SETI Institute über die Vereinten Nationen laufen. Man kann das für Bürokratie halten. Man kann es auch als die einzige ehrliche Antwort auf eine Frage lesen, die technisch längst entschieden ist: Senden kann heute jeder mit genügend Geld und einer Parabolantenne. Die Regel schafft keine Sperre, sie schafft eine Zuständigkeit, an der ein Alleingang sichtbar wird.
Denn das ist der Punkt, den die Science-Fiction seit Jahrzehnten vor sich herträgt und die Politik erst jetzt in ein Dokument schreibt. Ein Signal zu empfangen ist ein wissenschaftliches Ereignis. Zu antworten ist ein politisches. Und für politische Ereignisse braucht es jemanden, der spricht.
Die übliche Frage lautet, ob Aliens gefährlich sind. Die interessantere lautet anders: Wer hätte das Recht, im Namen von acht Milliarden Menschen zu sprechen? Sechs Haltungen, die in der Debatte tatsächlich vertreten werden.
Deine Stimme dazu zählen wir weiter unten: zur Abstimmung dieser Ausgabe →
Das Interview · Ausgabe 03 · mit Erik Harlandt
„Echte Aliens, die tatsächlich völlig anders sind, schließen genau das aus.“
Foto: Bernd Zimmerman
Erik Harlandt schreibt Hard SF, Near-Future-Thriller und Climate Fiction. Davor war er dreißig Jahre lang Lektor, was man seinen Antworten anmerkt: Er redet lieber über das Handwerk als über die Inspiration. Sein aktueller Roman Erstschlaglogik steht im BuchKnall-Lexikon. Wir haben mit ihm über das Fremde gesprochen, über deutsche Buchhandelsregale und über die Frage, was er senden würde, wenn er genau einen Versuch hätte.
I. Wer da schreibt
Erik, stell dich unseren Leserinnen und Lesern doch kurz vor. Was schreibst du, was treibt dich dabei an und warum lohnt es sich für Science-Fiction-Fans, dich kennenzulernen?
Ich schreibe hauptsächlich Hard SF und Near-Future-Thriller, mit dem Anspruch, dass meine Geschichten theoretisch genau so passieren könnten. Aber ich liebe auch Cyberpunk und Space Opera, weil man sich dort als Autor ordentlich austoben kann. Mit »Amokbot und die Welt von übermorgen« habe ich außerdem einen recht erfolgreichen Solarpunk-Roman herausgebracht. Mein aktueller Titel, »Erstschlaglogik«, ist aber wieder ein Near-Future-Thriller.
Bevor ich mich ganz dem Schreiben gewidmet habe, war ich dreißig Jahre lang Lektor. Ich hinterfrage meine eigenen Manuskripte also ab der ersten Zeile. Wer realistische Zukunftsentwürfe, unkonventionelle Figuren und mitunter schrägen Humor mag, ist bei mir richtig
Was reizt dich persönlich an Science-Fiction mehr als an anderen Genres? Was kannst du dort erzählen, was anderswo nicht funktioniert?
Science-Fiction taugt zum Eskapismus wie jedes andere Genre, aber sie bietet von allen die beste Möglichkeit, unsere Realität zu hinterfragen. Ich nehme die Gegenwart (oder auch nur einen einzelnen Aspekt davon), projiziere sie in die Zukunft und spiele die Varianten durch: Welche Entscheidung führt wohin, und was kostet sie uns? Im Gegensatz zu einer wissenschaftlichen Untersuchung darf ein Roman spekulieren. Vor allem senkt er aber die Hemmschwelle, sich mit dem Thema überhaupt zu beschäftigen.
In meinen Near-Future-Thrillern gehe ich derzeit der Frage nach, wie unsere Gesellschaft in dreißig, fünfzig oder siebzig Jahren aussehen könnte, je nachdem, welche Fehler wir machen oder eben nicht machen. Climate Fiction gehört immer dazu. Im Grunde gehe ich in jedem Buch eine andere Klimaprognose durch, meistens im Hintergrund. Nicht als Botschaft, sondern als stimmige Kulisse.
II. Das Regal und die Szene
Man hat manchmal den Eindruck, Science-Fiction werde in Deutschland regelrecht totkuratiert. Im Buchhandel sieht man wenige Titel, immer wieder dieselben großen Namen und sehr viel weniger Vielfalt, als das Genre tatsächlich bietet. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Der Buchhandel ist nicht in der Position, Experimente zu finanzieren. Begrenzte Verkaufsfläche eignet sich schlicht nicht dazu, dem Publikum Neues vorzustellen. Man ist quasi gezwungen, erfolgreiche Wellen zu reiten, bis sie tot sind. Derzeit ist das Fantasy mit sämtlichen Genremixes. Die Verlage sehen daraufhin nur, dass die Buchhändler keine SF ordern, sondern noch mehr Fantasy wollen, und nehmen entsprechend keine neuen Titel ins Programm.
Es gibt Buchhandlungen, an deren Regal noch ein Schild »Science-Fiction« hängt, aber drin steht Urban Fantasy. Ganz unten rechts dann ein, zwei amerikanische Namen und mit etwas Glück ein Nils Westerboer. Glückwunsch übrigens dazu. Wahrscheinlicher sind allerdings zwei Bände »Expanse«, natürlich in der TV-Edition.
Gleichzeitig gibt es unzählige Selfpublisher, kleine Verlage, neue Reihen und eine sehr aktive Szene. Glaubst du, dass Science-Fiction in Deutschland gerade auf einem guten Weg ist, oder fehlt noch etwas Entscheidendes?
Nie war Science-Fiction wichtiger und aktueller als heute. Die Zukunft fliegt uns mit einer Geschwindigkeit um die Ohren, die wir kaum noch verarbeiten können, und SF ist eine der besten Gelegenheiten, sich damit auseinanderzusetzen. Aber je größer die Sorge vor der Zukunft, desto größer auch das Bedürfnis, ihr für ein paar Stunden zu entkommen. Den Abstraktionsgrad von Fantasy kann Science-Fiction zwar ebenfalls bieten, doch es schwingt fast immer eine Realitätsnähe mit, die viele Leser derzeit eher abschreckt.
Inhaltlich ist die Indie- und Kleinverlagsszene dabei so stark wie nie. Was fehlt, ist der Sprung aus der eigenen Blase heraus: hin zu den Gelegenheitslesern, die einmal im Monat einen spannenden Roman suchen und nicht ahnen, was es abseits der Bestsellertische alles gibt.
III. Das Fremde
Welche Vorstellung von außerirdischem Leben ist für dich inzwischen zu oft erzählt worden? Und welche Idee wurde dagegen noch längst nicht weit genug gedacht?
Das Fremde ist schwer vermittelbar. Geschichten werden für uns erst dadurch interessant, dass wir uns mit den Figuren identifizieren können. Echte Aliens, die tatsächlich völlig anders sind, schließen genau das aus. Sie taugen dann höchstens als Horrorfiguren. Entsprechend selten wagen Autoren wirklich Fremdartiges: post-biologische Entitäten, Intelligenzen auf anderer chemischer Basis, Lebensformen, deren Zeitwahrnehmung und Kommunikationsmuster so weit von unseren neuronalen Prozessen entfernt sind, dass ein Austausch eher der Entzifferung von Naturgesetzen gleicht als einem Dialog …
Die Folge sind menschenähnliche Aliens, die sich am Ende in die Reihe der Fantasy-Völker einsortieren: spitze Ohren, andere Kleidung, andere Riten, ansonsten wir. Die eigentliche Frage ist deshalb eine andere. Es geht nicht darum, welche Art von Aliens zu oft erzählt wurde, sondern darum, welche Verfahren, das Fremde zu vermitteln, im Roman überhaupt funktionieren. Und die wenigen, die funktionieren, sind naturgemäß überstrapaziert. Das ist natürlich kein Grund, es nicht immer wieder zu versuchen, so wie ich zuletzt in meinem SF-Roman »Der Syrtauk«.
Echte Physik erzeugt echte Spannung, weil sie sich nicht bestechen lässt.Erik Harlandt
Wie wichtig ist dir wissenschaftliche Plausibilität beim Schreiben? Wo hältst du dich an das, was wir wissen, und wo darf eine Geschichte bewusst darüber hinausgehen?
Wenn ich die Gegenwart realistisch in die Zukunft verlängere, um herauszufinden, was kommen könnte, muss ich sauber arbeiten. Tricks und Kniffe, um die Geschichte in die gewünschte Richtung zu biegen, sind dann tabu. Orbitalmechanik, Thermodynamik, Signallaufzeiten, Wärmeabfuhr im Vakuum sind für mich keine lästigen Einschränkungen, sondern dramaturgisches Material. Echte Physik erzeugt echte Spannung, weil sie sich nicht bestechen lässt. Spekulieren darf ich genau dort, wo die Wissenschaft selbst noch offene Fragen hat. Und Entsprechendes gilt auch für Near-Future-Thriller, die auf der Erde bleiben: In dreißig Jahren wird die Welt etwas anders aussehen. Die Autos werden immer noch nicht fliegen, aber die Diesel-SUVs werden hoffentlich von den Straßen verschwunden und Handys möglicherweise von AR-Brillen verdrängt worden sein. Es gibt viele denkbare Entwicklungen. Mir ist wichtig, sie realistisch zu zeigen.
Die Alternative sind die ausdrücklich unrealistischen Subgenres: Space Opera, Zeitreise und so weiter. Da gelten die Gesetze der Physik nur, wenn es dem Autor gerade passt, da dürfen Fantasy und SF auch mal aufeinandertreffen. Beides hat seine Berechtigung.
Am spannendsten finde ich die konsequente Einhaltung der Regeln ohnehin dann, wenn man sich in Grenzbereiche begibt. Konsistenz macht gerade die spekulative Geschichte glaubwürdiger und damit überhaupt erst tauglich als Spiegel der Gegenwart.
Gibt es in deinen eigenen Geschichten eine Idee oder einen Moment, bei dem du selbst dachtest: Genau deswegen schreibe ich Science-Fiction?
Andauernd. Deswegen schreibe ich ja so viel. Ob es nun Aliens sind, die eine Invasion nur simulieren, um dem daraufhin hochgerüsteten Planeten hinterher die Waffen zu klauen, Mini-Wurmlöcher zur Straßenreinigung oder zwei Lebensformen, die einander jeweils für das erstrebenswerte Ziel der eigenen Entwicklung halten und sich dabei im Kreis drehen: Wenn mir beim Schreiben so etwas einfällt und ich es einfach verwenden kann, weil am Ende eben nicht Kommissar Meier den Fall abschließen muss, dann weiß ich, dass ich im richtigen Genre unterwegs bin.
Der zweite Moment ist unspektakulärer und mir fast lieber: wenn eine harte physikalische Gegebenheit zur emotionalen Zerreißprobe wird. Zwanzig Minuten Signallaufzeit pro Richtung zum Beispiel. Plötzlich ist das Naturgesetz nicht mehr Kulisse, sondern Konflikt. Ich mag es, meine Geschichten um diese Beschränkungen herum aufzubauen, sodass ich keine künstlichen Hürden erfinden muss, damit die Geschichte funktioniert: Wenn jemand ein Problem allein lösen soll, dann sind mir physikalisch bedingte Gründe lieber als »Akku ist grad alle« oder so. Wenn man ein Leck im Raumschiff hat und grade in der Nähe des Saturns ist, dauert es halt zwei Stunden, bis die Antwort auf die Frage da ist, was man jetzt tun soll.
IV. Sichtbarkeit
Science-Fiction wird heute häufig über Shops, Bestsellerlisten und Algorithmen entdeckt. Was fehlt dir bei der Art, wie Bücher sichtbar werden? Und kann eine unabhängige Plattform wie BuchKnall daran etwas ändern?
Ich setze große Hoffnungen in BuchKnall und ähnliche Projekte. Die Algorithmen bilden die Szene nicht adäquat ab. Inzwischen weiß jeder, dass das Ranking maßgeblich davon abhängt, wie viel Geld in die Werbung fließt. Das sorgt dafür, dass einem immer dasselbe angeboten wird, bis man gar nichts anderes mehr findet. Es bleibt nur das Wühlen in den mehr oder weniger sinnvoll zusammengestellten Subgenre-Listen der Shops. Das ist anstrengend und führt selten weit.
Die Möglichkeit, jenseits der Marktmacht großer Namen in Ruhe suchen zu können, ist Gold wert. Dann werden auch Autoren wahrgenommen, die großartige Bücher schreiben, aber an Social Media und Marketing scheitern.
V. Das erste Signal
Wenn du dir unsere Gegenwart ansiehst, welche Entwicklung könnte man in hundert Jahren vielleicht als das erste Signal einer völlig neuen Epoche betrachten?
Da gibt es viele Ansätze, ein paar bin ich in meinen Romanen bereits durchgegangen, und es sieht leider übel aus: Wir neigen dazu, am Alten festzuhalten. Jede Veränderung erfordert zunächst die Überwindung derjenigen, die ihr entgegenstehen, und das waren in der Vergangenheit meist einschneidende Ereignisse. Ob am Ende die vielbeschworene Super-KI den Job gegen unseren kollektiven Willen übernimmt, außerirdische Superhelden aus schierem Mitleid eingreifen oder eine Seuche, die nur die Deppen dahinrafft, das erledigt, ist nicht abzusehen. Der entscheidende Punkt, den Soziologen dereinst in die Geschichtsbücher schreiben werden, wird aber wohl der sein, an dem wir Ernst machen mit dem Miteinander und der Nächstenliebe und dem ganzen Zeug, von dem wir heute nur reden.
Es könnte dieser Moment sein. Zum ersten Mal lässt sich das Wissen der Menschheit zusammenlegen, auswerten und nutzen. Sechstausend Jahre Forschung, Entwicklung, Philosophie und Erfahrung, mit hochentwickelter Technik auf unsere tatsächlichen Probleme angesetzt. Es wird der Moment sein, an dem KI nicht mehr als Wirtschaftsgut betrachtet und eingesetzt wird, sondern als Allgemeingut. Im Augenblick können wir nur hoffen, dass es so kommt. An dem Punkt, an dem wir es aktiv herbeizuführen versuchen, sind wir noch nicht. Noch lange nicht.
Wer die Überschrift in den künftigen Geschichtsbüchern bekommt, ist also offen. Unsere Enkel? Die digitalen Substrate ihrer Enkel? Um es mit dem Durchschnittsmenschen des Jahres 2026 zu sagen: »Mir doch egal, bis dahin bin ich längst tot.«
Wenn morgen zweifelsfrei feststünde, dass irgendwo da draußen intelligentes Leben existiert, was wäre dein erster Gedanke?
»Will ich sehen!« Nein, warte: »Wusst ich’s doch!« Und gleich danach: »Was werden die von uns halten?« Das wäre nämlich ein eher peinlicher Moment. Die Erde ist derzeit nicht so recht vorzeigbar, oder?
Du dürftest genau eine Nachricht an eine unbekannte außerirdische Zivilisation schicken. Du weißt nichts über den Empfänger. Was würdest du senden?
»Frieden« – und gleich hinterher: »Vorsicht, wir sind nicht so harmlos, wie wir aussehen.« Verpackt natürlich in eine mathematische Form, die universell lesbar ist: Primzahlen, Naturkonstanten, die Wasserstofflinie. Und möglichst ohne die genauen Koordinaten unseres Standorts.
Heute Nacht erreicht uns tatsächlich das erste eindeutige Signal einer fremden Zivilisation. Welche eine Frage würdest du unbedingt beantwortet haben wollen?
»Woher nehmt ihr den Mut, ausgerechnet uns zu verraten, dass es euch gibt? Seid ihr irre?« Und dann, ernsthaft: »Wie habt ihr es geschafft, euch nicht selbst zu vernichten? Wir bräuchten dringend ein paar Tipps.«
Zur Person
Erik Harlandt lebt bei Hamburg und schreibt Hard SF, Near-Future-Thriller und Climate Fiction. Er ist Mitglied der Climate Fiction Writers Europe und des PAN e. V. Zuletzt erschienen sind der Solarpunk-Roman »Amokbot und die Welt von übermorgen«, der Science-Fiction-Roman »BACKUPS« und der Near-Future-Thriller »Erstschlaglogik«.
74 Millionen Signale und kein Alien
Als der interstellare Besucher 3I/ATLAS durchs Sonnensystem zog, hat das Allen Telescope Array ihn abgehört. Was dabei herauskam, ist die beste Anschauung dafür, wie schwer ein echter Erstkontakt nachzuweisen wäre.
Es gibt eine Frage, die in jeder Diskussion über außerirdische Intelligenz zu früh gestellt wird, nämlich ob wir schon etwas gefunden haben. Die Frage davor ist interessanter und wird selten gestellt: Was müsste eigentlich passieren, bevor eine Wissenschaftlerin sagen darf, wir haben ein Signal?
Der Fall 3I/ATLAS liefert darauf eine ungewöhnlich konkrete Antwort. 3I/ATLAS ist erst das dritte bekannte Objekt, das nachweislich von außerhalb unseres Sonnensystems kommt, nach ʻOumuamua und Borisov. Ein Team am Allen Telescope Array in Nordkalifornien hat es beobachtet und dabei den Frequenzbereich von 1 bis 9 Gigahertz abgesucht. Zusammengekommen sind laut dem zugehörigen Preprint 7,25 Stunden Daten.
Was danach passierte, ist der eigentliche Inhalt dieser Meldung. Die Auswertungssoftware fand in diesen Daten knapp 74 Millionen schmalbandige Treffer. Das klingt nach einem überwältigenden Fund und ist in Wahrheit der Normalzustand: Der Himmel über einem Radioteleskop ist voll mit menschlicher Elektronik.
Wie aus 74 Millionen 211 werden
Der erste Filter sortiert nach Frequenz und nach Driftrate. Ein Signal von einem Objekt, das sich relativ zur Erde bewegt, muss in der Frequenz wandern, weil beide Seiten sich bewegen. Ein Sender auf der Erde tut das nicht auf dieselbe Weise. Nach diesem Schritt blieben rund zwei Millionen Treffer übrig.
Der zweite Filter ist der entscheidende und heißt Lokalisierung. Das Teleskop schaut gleichzeitig auf das Ziel und in mehrere Richtungen daneben. Ein echtes Signal aus einer bestimmten Richtung darf nur in dem Strahl auftauchen, der auf das Ziel gerichtet ist. Alles, was auch nebenan zu sehen ist, kommt von hier. Nach diesem Schritt blieben 211 Treffer übrig, die ein Mensch anschließend einzeln im Zeit-Frequenz-Diagramm angesehen hat.
Von 74 Millionen auf 211 auf null. Das Ergebnis der Untersuchung lautet, dass sich kein Signal fand, das eine weitere Nachverfolgung gerechtfertigt hätte.
Warum ein Nullergebnis etwas wert ist
Hier kommt die Zahl ins Spiel, die den Unterschied zwischen einer Enttäuschung und einem Messergebnis macht. Das Team gibt eine Obergrenze für die effektive isotrope Sendeleistung an: zwischen 10 und 110 Watt. Anders gesagt, hätte 3I/ATLAS im untersuchten Frequenzbereich einen schmalbandigen Sender in dieser Größenordnung mitgeführt und in unsere Richtung betrieben, hätte die Anlage ihn gesehen.
Eine Obergrenze ist keine Absage an die Suche. Sie ist ein eingetragener Zaunpfahl. Wenn genug davon im Boden stecken, entsteht daraus eine Karte des Durchsuchten, und erst so eine Karte macht die Aussage möglich, dass es dort still ist. Ohne sie bleibt jedes Nichtfinden eine Anekdote.
Und interstellare Objekte sind für diese Karte besonders wertvoll. Sie sind das einzige Material aus einem anderen Sternsystem, an das wir aus wenigen Astronomischen Einheiten Abstand herankommen. Ein Sender von dort müsste nicht stark sein, um laut zu wirken. Genau deshalb lohnt das Hinhören, auch wenn die Antwort erneut Stille lautet.
Die Erzählung von den 74 Millionen Signalen ist keine Alien-Geschichte. Sie ist eine Geschichte über Sorgfalt, und Sorgfalt ist der Grund, warum man einem SETI-Ergebnis überhaupt glauben könnte, wenn es eines Tages anders ausfällt.
Leitthese
Ein Erstkontakt ist zuerst ein Messproblem und erst danach ein Weltereignis.
Alles, was wir über fremde Zivilisationen je erfahren werden, kommt als Datensatz an, den jemand für einen Fehler halten muss, bevor er ihn glaubt.
Begriff der Ausgabe
Technosignatur
Eine Technosignatur ist ein beobachtbares Merkmal, das auf technologische Aktivität hindeuten könnte. Gemeint ist nicht nur der klassische Funkspruch. Auch ein optischer Laserpuls zählt dazu, eine Atmosphäre mit Bestandteilen, die keine bekannte Chemie erzeugt, auffällige Abwärme, künstliches Licht auf einer Nachtseite oder eine Struktur, die einen Stern anders verdunkelt, als ein Planet es täte.
Die Abgrenzung ist einfach und wird trotzdem ständig verwischt. Eine Biosignatur ist ein möglicher Hinweis auf Leben. Eine Technosignatur ist ein möglicher Hinweis auf Technologie. Das Wort möglich steht in beiden Definitionen an derselben Stelle und gehört dorthin.
Die Größenordnung
Warum Stille kein Beweis ist
Der beobachtete Ausschnitt des Suchraums ist winzig. Er hat Achsen, an die man selten denkt: Richtung am Himmel, Frequenz, Zeitpunkt, Signalform, Polarisation, Mindeststärke. Eine Suche deckt immer nur einen schmalen Streifen in allen sechs gleichzeitig ab. Wer daraus schließt, dass da draußen niemand ist, schließt aus einem Blick durch ein Schlüsselloch auf ein leeres Haus.
Das erste Signal wird wahrscheinlich nicht „Hallo“ sagen
Die Vorstellung vom Erstkontakt als Gespräch stammt aus einer Zeit, in der SETI nichts anderes konnte als zuhören. Heute sucht das Feld nach Spuren. Und Spuren hinterlässt man, ohne es zu wollen.
Der Klassiker geht so: Ein Radioteleskop empfängt eine Folge von Primzahlen, danach kommen Baupläne, danach kommt die Frage, ob wir antworten. Diese Erzählung ist mehr als sechzig Jahre alt, sie ist gut, und sie hat einen blinden Fleck. Sie unterstellt, dass die andere Seite uns bemerkt hat und mit uns reden möchte. Beides sind ziemlich große Annahmen für ein Universum, in dem wir bisher niemanden bemerkt haben.
Die moderne Suche denkt deshalb in eine andere Richtung. Sie fragt inzwischen auch, ob jemand etwas tut, das man von hier aus sehen kann. Der Unterschied ist derselbe wie zwischen einem Brief und einem Fußabdruck. Für den Brief braucht es einen Absender, der an dich denkt. Für den Fußabdruck genügt es, dass jemand gegangen ist.
Der Katalog der Spuren
Was auf dieser Liste steht, reicht von naheliegend bis abenteuerlich. Schmalbandige Radiosignale bleiben der bestuntersuchte Fall, weil die Natur solche extrem engen Frequenzbänder nicht erzeugt. Optische Laserpulse sind der zweite klassische Kandidat: Ein kurzer, sehr heller Blitz auf einer einzigen Wellenlänge kann für Sekundenbruchteile den eigenen Stern überstrahlen. Beides wären gerichtete Signale, beides setzt einen Absender voraus.
Ab hier wird es interessanter, weil die Absicht wegfällt. Eine Atmosphäre kann Stoffe enthalten, für die es keinen bekannten natürlichen Weg gibt. Industrielle Prozesse hinterlassen Chemie. Ein Planet, dessen Nachtseite leuchtet, leuchtet nicht von selbst. Und jede Technik, die Energie umsetzt, gibt am Ende Wärme ab, was sich als ungewöhnlicher Infrarotüberschuss zeigen könnte. Ganz am spekulativen Ende stehen künstliche Strukturen, die einen Stern in einem Muster verdunkeln, das kein Planet erzeugt.
Vielleicht erkennen wir eine fremde Zivilisation nicht daran, dass sie mit uns spricht. Vielleicht verrät sie sich einfach.Die Kernidee der modernen Technosignaturforschung
Der Preis dieser Erweiterung
Die Verschiebung von der Botschaft zur Spur hat einen Haken, und der ist erheblich. Ein Funkspruch mit Primzahlen ist eindeutig. Ein Infrarotüberschuss ist es nicht. Staub erzeugt Infrarotüberschuss. Eine ungewöhnliche Atmosphärenchemie erzeugt auch Geologie, die wir noch nicht kennen. Je breiter das Netz, desto mehr fängt es Dinge, die niemand vorhergesehen hat, und die allermeisten davon sind neue Physik statt neuer Nachbarn.
Das ist keine Schwäche der Methode, das ist die Methode. Der Fall Beta Pictoris d in dieser Ausgabe zeigt dasselbe Prinzip an einem harmlosen Beispiel: Ein Planet wurde gefunden, weil sein Kohlenmonoxid ein Muster in ein Spektrum schrieb, lange bevor irgendwer ihn abbilden konnte. Das Signal war da, bevor das Objekt sichtbar war. Genau so würde vermutlich auch eine Zivilisation zuerst auftauchen, als Anomalie in einer Tabelle.
Was das für die Literatur bedeutet
Die Science-Fiction hat diesen Gedanken lange vor der Wissenschaft durchgespielt. Stanisław Lem hat in His Master's Voice ein Signal beschrieben, das ankommt und sich der Deutung entzieht, während unten auf der Erde ein Apparat aus Physikern, Militärs und Philosophen daran zerbricht. Bei Lem ist das Fremde unlesbar statt gefährlich, und das ist die schlimmere Zumutung. Ted Chiang wiederum fragt in Story of Your Life, was die Grammatik der Fremden mit einem Menschen macht, der sie lernt.
Beide Bücher gehen davon aus, dass Verstehen der schwierige Teil ist und Empfangen der leichte. Die reale Forschung kommt gerade auf demselben Weg an. Sie sucht inzwischen nach Dingen, die niemand für uns übersetzt hat, und sie muss damit rechnen, dass sie zuerst etwas findet, das sie nicht einordnen kann.
Der wahrscheinlichste Erstkontakt ist ein Streit unter Fachleuten über einen Datenpunkt, der sich einfach nicht wegerklären lässt. Er wird Jahre dauern, er wird langweilig aussehen, und er wäre trotzdem das größte Ereignis der Menschheitsgeschichte.
Die Messier-Story · Ziel der Arecibo-Botschaft
Wir haben 1974 eine Nachricht verschickt. Seitdem wurden Menschen geboren, sind erwachsen geworden und gestorben. Das Signal ist seinem Ziel trotzdem kaum näher gekommen.
Am 16. November 1974 richtete das Arecibo-Observatorium in Puerto Rico 1.679 Bit auf Messier 13, einen Kugelsternhaufen mit mehr als hunderttausend Sternen in rund 25.000 Lichtjahren Entfernung.
Die Botschaft ist seit über fünf Jahrzehnten unterwegs und hat damit etwa zwei Promille des Weges hinter sich. Selbst wenn dort jemand säße, der sie sofort verstünde und sofort zurückfunkte, läge der vollständige Austausch in der Größenordnung von fünfzigtausend Jahren.
Zum Vergleich: So lange ist es her, dass Menschen anfingen, Höhlenwände zu bemalen.
↑ Messier 13, der Herkuleshaufen · rund 25.000 Lichtjahre · Adressat der Arecibo-Botschaft von 1974 · NASA / ESA
Die Adresse war übrigens von Anfang an eine Geste. M13 steht nicht still: In 25.000 Jahren wird der Haufen nicht mehr dort sein, wo das Signal ihn erwartet. Frank Drake, der die Botschaft mit Carl Sagan und weiteren Beteiligten entworfen hat, hat aus dieser Schwäche nie ein Geheimnis gemacht. Die Sendung diente der Einweihung des umgebauten Teleskops und sollte zeigen, dass so etwas technisch geht. Sie war eine Demonstration, kein Anruf.
Trotzdem ist sie das ehrlichste Dokument, das die Menschheit je über sich selbst verschickt hat. In 1.679 Bit passen keine Beteuerungen. Es passen Zahlen, fünf Elemente, ein Molekül, eine Figur, neun Punkte und eine Schüssel. Was daraus zu lesen ist, kannst du im nächsten Abschnitt selbst herausfinden.
Entschlüssle die Arecibo-Botschaft
Hier sind die echten Daten: der nackte Bitstrom, so wie er 1974 die Antenne verlassen hat. Deine Aufgabe ist dieselbe, die ein fremder Empfänger hätte: Bring die Nullen und Einsen so in Form, dass daraus eine Botschaft wird.
Der Rohdatenstrom
1.679 Zeichen. Eine reine Kette am Stück. Wo eine Zeile endet und wo die Botschaft überhaupt anfängt, muss der Empfänger selbst herausfinden. Genau so kommt ein Signal an.
Noch kein Muster. Probier andere Spaltenzahlen.
Ich komme nicht weiter
1.679 lässt sich nur auf eine einzige nichttriviale Weise in zwei Faktoren zerlegen: 23 × 73. Beide sind Primzahlen. Wer die Länge einer Nachricht so wählt, sagt damit: Es gibt genau ein Raster, das passt. Probier 23.
Das Raster rastet ein. Sieben Bereiche, von oben nach unten.
Wähl einen Bereich aus, dann wird er im Raster hervorgehoben und hier erklärt.
Die Bitfolge stammt aus der öffentlich dokumentierten Fassung der Botschaft. Die Redaktion hat sie geprüft, indem sie die Zahlen 1 bis 10 aus den obersten vier Zeilen und die Ordnungszahlen 1, 6, 7, 8 und 15 für Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und Phosphor aus den Zeilen 6 bis 10 dekodiert hat. Beides geht auf.
Drei Befunde aus diesem Jahr, die alle dasselbe Thema haben: Wie viel lässt sich über etwas herausfinden, das man nie zu Gesicht bekommt?
Buch des Monats · September
Die Lostrommel hat entschieden
Wie jeden Monat gilt: Wer durch die Qualitätsprüfung kommt, liegt im Topf, und das Los entscheidet. Der kleine Indie hat dieselbe Chance wie der große Name. Die Gewinnerin oder der Gewinner dieses Monats erfährt es genau hier, im Heft.
Sternenhoffnung
Tea Loewe · Alien-Invasion · Selfpublishing · im Lexikon
Postapokalyptisches Schweden nach einer Alieninvasion: Sara Eckström will nur herausfinden, ob ihr Vater noch lebt, bis eine verschlüsselte Botschaft von ihm auftaucht und aus dem Überleben eine Suche wird. Gezogen aus acht Losen, gleiche Chance für alle. Dazu gehören dreißig Tage Spotlight auf der Startseite, die Ehrenrunde im nächsten Heft und der dauerhafte Platz in der ewigen Chronik.
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Alle bisherigen Gewinner stehen in der ewigen Chronik.
Der Rückblick · Buch des Monats im August
Der Mond von Yazahaan: Problem 73
Johanna Brenne · Dystopie · Realm & Rune Verlag · im Lexikon
Ein junger Wissenschaftler in einer dystopischen Gesellschaft muss entscheiden, was schwerer wiegt: seine Ideale oder der Traum, dem er seit Kindertagen nachjagt. Gezogen aus einer fairen Lostrommel, gleiche Chance für alle, hier entscheidet das Los und nicht die Reichweite. Die dreißig Tage Spotlight sind vorüber. Geblieben ist der dauerhafte Platz in der ewigen Chronik.
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Kurzfragen · Johanna Brenne
Foto: privat
Der Staffelstab: drei Fragen zum Abschied aus dem Spotlight
Ein Monat ganz oben auf der Startseite, und dann? Wir fragen jede Gewinnerin und jeden Gewinner, was der Platz tatsächlich gebracht hat, gern auch unbequem. Johanna Brenne schickte ihre Antworten mit einem Satz voraus: „Danke für die Fragen und danke für ‚Buch des Monats‘!“
Liebe Johanna, natürlich die wichtigste Frage zuerst: Hat sich die Auszeichnung für dich bemerkbar gemacht, zum Beispiel bei Verkäufen, Anfragen oder Aufmerksamkeit?
„Schwierige Frage! Da ich über einen kleinen Verlag veröffentliche, kann ich die Verkaufszahlen nicht direkt einsehen. Ich war die letzten Wochen auf Social Media nicht sehr präsent, weil im Urlaub. Meine Reichweite scheint aber durch meine Abwesenheit nicht sehr gelitten zu haben – vielleicht hat BuchKnall da ja etwas abgefedert?“
Gibt es etwas, das BuchKnall besser machen kann? Über jeden Wunsch oder Tipp, wie wir Autorinnen und Autoren noch besser begleiten können, freue ich mich.
„Momentan habe ich keine Ideen für Verbesserungen. Ich entdecke immer wieder neue tolle Sachen auf BuchKnall, z. B. das Bücherorakel, das mir sehr gut gefällt! Wenn mir noch Wünsche oder Anregungen einfallen, melde ich mich!“
Magst du uns zum Schluss einen Satz zu deinem Werk mitgeben und sagen, worauf wir uns freuen dürfen?
„Zu meinem Buch: Wenn ihr ruhige Science Fiction mögt, bei der nicht die Technik, sondern die Charaktere im Zentrum stehen, und dann auch noch gerne Geheimnissen auf der Spur seid, dann seid ihr bei ‚Der Mond von Yazahaan‘ genau richtig!“
Danke, Johanna Brenne. Das Bücherorakel freut sich über das Lob und nimmt es als Auftrag.
Acht Arten, jemandem zum ersten Mal zu begegnen
First Contact ist eine ganze Familie von Fragen. Sortiere die Geschichten am besten nach dem Problem, das die Begegnung aufwirft, dann fällt die Auswahl leicht.
Die Begegnung geht gut aus, und das Buch handelt trotzdem von einem Konflikt, nämlich dem darüber, wer bei uns entscheidet. Contact von Carl Sagan ist der Musterfall: Das Signal ist eindeutig, die Botschaft ist ein Bauplan, und die eigentliche Handlung spielt in Ausschüssen.
Die älteste Variante und die, die am schnellsten langweilig wird, wenn sie nur Krieg meint. Sie funktioniert dort, wo die Feindschaft aus einem Missverständnis erwächst statt aus Bösartigkeit.
Story of Your Life von Ted Chiang stellt die Übersetzung ins Zentrum und macht daraus etwas, das die Übersetzerin selbst verändert. Erstkontakt als linguistische Arbeit, mit allen Konsequenzen.
Stanisław Lems His Master's Voice und Solaris gehören hierher. Das Fremde bleibt fremd, die Deutung scheitert, und was das Buch beschreibt, ist der Scherbenhaufen, den das im menschlichen Apparat anrichtet.
Die drei Sonnen von Liu Cixin und ihre Fortsetzungen. Kontakt ist hier ein strategisches Problem, Sichtbarkeit eine Schwäche, und Antworten eine Entscheidung mit Reichweite über Jahrhunderte.
Die Perspektive dreht sich, und der Mensch wird zum unverständlichen Besucher. Ursula K. Le Guins Das Wort für Welt ist Wald kippt die Erzählung so weit, dass die Invasoren unsereins sind.
Man findet das, was sie zurückgelassen haben. Übrig bleiben Interpretation und die Frage, ob ein Fund überhaupt eine Botschaft war.
Das Signal kommt an, der Absender bleibt fort. Andy Weirs Der Astronaut dreht das ins Warme: zwei Wesen, die sich eine Sprache bauen müssen, weil beide ein Problem haben, das nur gemeinsam lösbar ist.
Die Titel stammen aus dem kuratierten BuchKnall-Bestand. Wo eine eigene Lexikonseite existiert, ist sie in den Rezensionen weiter unten verlinkt.
Spoiler-Warnung: Diese Besprechung verrät die Konstruktion der Erzählung und ihre Auflösung.
Es gibt eine Sorte Erstkontaktgeschichte, in der das Militär die Hauptrolle spielt, und es gibt diese hier, in der eine Linguistin an einem Whiteboard steht und versucht herauszufinden, ob ein Satz überhaupt einen Anfang hat.
Chiangs Erzählung stellt eine ungewöhnliche Frage: Was ist die Sprache der Besucher? Die Heptapoden haben eine gesprochene und eine geschriebene Form, die nichts miteinander zu tun haben. Die Schrift entsteht als Ganzes auf einmal, wobei jeder Strich bereits weiß, wie der Satz endet. Wer so schreibt, muss den Schluss kennen, bevor er beginnt.
Daraus zieht Chiang seine physikalische Pointe. Menschen beschreiben Bewegung kausal: Ursache, dann Wirkung. Dieselben Vorgänge lassen sich auch anders formulieren, nämlich über die Frage, welcher Weg am Ende der extremale ist. Beide Beschreibungen sind gleich richtig. Die zweite setzt aber voraus, dass das Ziel schon feststeht. Chiang nimmt diese Variationsformulierung ernst und baut daraus ein Bewusstsein, dem die Zeit als Ganzes offenliegt.
Und dann macht er das, was die Erzählung groß macht: Er lässt seine Erzählerin diese Wahrnehmung lernen. Die Rahmenhandlung ist die Geschichte ihrer Tochter, erzählt in einer Zeitform, für die es im Deutschen keinen sauberen Namen gibt. Louise weiß, wie es ausgeht. Sie tut es trotzdem. Der Text lässt offen, ob das Freiheit ist oder deren Gegenteil, und er hat recht damit.
Schwächen? Die Erzählung ist kühl, und wer Figuren mit Innenleben sucht, findet hier vor allem eine Denkerin und ihr Problem. Die Heptapoden bleiben Werkzeug einer Idee; eine eigene Kultur oder auch nur eine erkennbare Absicht sucht man bei ihnen vergebens. Für die Länge einer Novelle trägt das. Ein Roman wäre daran zerbrochen.
Die klügste Erstkontaktgeschichte, die das Genre hat, und eine der wenigen, in der niemand eine Waffe braucht. Wer danach noch Hunger hat, findet bei Lem dasselbe Problem ohne Trost.
Die Rezension · Der Film
Arrival
Spoiler-Warnung: Diese Kritik verrät die Auflösung des Films und die Unterschiede zur Vorlage.
Zwölf Objekte stehen über der Erde und tun nichts. Sie schweben, sie landen nicht, sie senden nicht. Aus dieser Verweigerung baut Villeneuve zwei Stunden Spannung, ohne einen einzigen Schuss.
Der Film übernimmt Chiangs Grundidee und legt etwas Eigenes darüber. Aus einer Erzählung über Zeit und Trauer wird zusätzlich ein Politthriller. Zwölf Landeplätze bedeuten zwölf Nationen, die getrennt arbeiten und irgendwann aufhören, ihre Ergebnisse zu teilen. Die entscheidende Wendung des Films hängt an einer Übersetzungsfrage: Ein Zeichen bedeutet Werkzeug oder Waffe, und die Antwort darauf entscheidet, ob geschossen wird.
Das ist eine Zutat, die bei Chiang nicht steht, und sie funktioniert. Sie überträgt das linguistische Problem auf die Ebene der Staaten und macht sichtbar, was Sprachlosigkeit politisch anrichtet. Der Preis dafür ist eine Auflösung, die deutlich mehr Hollywood ist als die Vorlage: ein Telefonat, ein General, ein Satz zur richtigen Sekunde.
Was der Film besser kann als der Text, ist das Zeigen. Die Schriftzeichen der Heptapoden mussten für die Leinwand tatsächlich entworfen werden, als vollständiges System mit Regeln, und man sieht ihnen an, dass jemand darüber nachgedacht hat. Jóhann Jóhannssons Musik arbeitet mit Klängen, die zwischen Atem und Maschine stehen. Und Amy Adams spielt die ganze Konstruktion mit einem Gesicht, das die Auflösung schon kennt, lange bevor das Publikum sie versteht.
Was er schlechter kann, ist das Nichterklären. Chiang lässt seine Physik unkommentiert stehen. Der Film muss sie aussprechen, und in dem Moment, in dem eine Figur den Mechanismus in einem Satz zusammenfasst, verliert er etwas von seiner Fremdheit.
Eine ungewöhnlich intelligente Erstkontaktgeschichte, die den Kontakt als Übersetzungsproblem behandelt und daraus mehr Spannung zieht als das halbe Genre aus Raumschlachten. Lies erst Chiang, sieh dann Villeneuve. In dieser Reihenfolge verliert keiner von beiden.
Das Diptychon
Ein Diptychon ist ein zweiteiliges Bildwerk aus zwei Tafeln. Hier: zwei Romane, die dasselbe Signal empfangen und gegensätzlich handeln.
Contact: Bei Carl Sagan ist das Signal ein Geschenk. Es kommt aus Richtung Wega, es enthält Primzahlen, dann ein Bauplan, und die Menschheit baut das Ding. Sagan war Wissenschaftler, und sein Roman glaubt daran, dass Erkenntnis besser ist als Unwissen, auch wenn sie unbequem wird. Gefährlich sind in diesem Buch allein die Institutionen, die um die Deutungshoheit ringen.
Die drei Sonnen: Bei Liu Cixin ist dasselbe Ereignis ein Fehler. Ein Mensch antwortet, ohne dazu befugt zu sein, und verrät damit die Position der Erde. Was folgt, ist eine Vorwarnzeit von vierhundert Jahren. Die Dark-Forest-Logik dahinter ist kalt und in sich schlüssig: Wer in einem dunklen Wald ein Licht anzündet, erfährt nur eines sicher, nämlich dass ihn jetzt jemand sieht.
Die Leitfrage
Ist eine Antwort der Beginn einer neuen Epoche oder unser größter Fehler?
Beide Romane sind wissenschaftlich informiert, beide sind ernst gemeint, und beide kommen zu entgegengesetzten Schlüssen. Die Physik ist bei beiden dieselbe. Getrennt werden sie durch eine Annahme über Fremde, die keine der beiden Seiten belegen kann. Sagan hält Zivilisationen, die lange genug überleben, für kooperativ. Liu hält jedes Auftauchen für ein Risiko, das niemand eingeht, ohne zuerst zu handeln.
Beides sind Setzungen. Die Debatte darüber ist deshalb eine über Menschenbilder. Genau darum steht sie in einem Literaturmagazin gut auf.
Großserien-Spotlight
Die drei Sonnen
Liu Cixin · Trilogie seit 2006 · Erstkontakt als geopolitisches Problem

Die Trilogie beginnt mit einem Rückblick auf die Kulturrevolution und endet an einem Punkt, an dem Physik zur Waffe geworden ist. Dazwischen liegen drei Bände, die ihre Größe daraus ziehen, dass sie Erstkontakt konsequent als politisches Problem behandeln. Es gibt keinen Moment, in dem die Menschheit als Ganzes handelt. Es gibt Fraktionen, Geheimdienste, Sekten und Regierungen, die alle etwas anderes für richtig halten, und genau das macht die Bücher glaubwürdiger als jede Einheitsfront.
Der Kern ist die Dark-Forest-Theorie, die im zweiten Band ausformuliert wird. Sie besagt, dass zwei Zivilisationen sich niemals sicher sein können, welche Absichten die andere in hundert Jahren hat, und dass Kommunikation über interstellare Entfernungen zu langsam ist, um dieses Misstrauen aufzulösen. Wer diese Prämissen akzeptiert, landet zwangsläufig bei Schweigen als Überlebensstrategie. Das Unheimliche an der Theorie ist nicht, dass sie stimmt. Es ist, dass sie in sich geschlossen ist.
Die Netflix-Umsetzung von 2024 verlegt einen Großteil der Handlung nach London und verteilt die Figuren des ersten Bandes auf eine Gruppe junger Physikerinnen und Physiker. Puristen ärgern sich daran, und man kann das nachvollziehen. Erzählerisch löst die Serie damit allerdings ein echtes Problem der Vorlage: Liu schreibt Ideen brillanter als Menschen, seine Figuren tragen die Konzepte eher, als dass sie leben. Die Serie dreht dieses Verhältnis um und verliert dabei einen Teil der Wucht, gewinnt aber Zugänglichkeit.
Warum die Reihe im heutigen Erstkontakt-Diskurs relevant bleibt, zeigt ein Blick auf die neuen SETI-Protokolle weiter oben in diesem Heft. Dass eine Antwort internationales Einvernehmen braucht, ist genau die Regel, deren Fehlen den ganzen Konflikt der Trilogie auslöst. Liu hat den Fall durchgespielt, bevor jemand ihn aufgeschrieben hat.
Die Kurzgeschichte · Erstabdruck · Teil 1
Operation mit Verwechslungsgefahr
von Jörg Schorn
Eine Satire über vollautomatisierte Krankenhäuser, ein höchstwertiges Byte an der falschen Stelle und einen Patienten, der zu einer MRT-Untersuchung erscheint. Passend zu diesem Heft, denn auch hier geht es um eine Nachricht, die falsch herum ankommt.
Nach Jahren chronisch leerer Staatskassen und ungebremst steigender Ausgaben im Gesundheitssystem forderten immer mehr Experten immer drastischere Sparmaßnahmen. Inzwischen haben sich vollautomatisierte Krankenhäuser unter KI-Leitung als Franchise-Modell etabliert.
Überteuerte, von menschlichem Personal betriebene Kliniken gibt es nicht mehr. Keine langen Wartezeiten, keine gestressten Chefärzte, keine aufdringlichen Zaungäste beim Überlebenskampf. Alles geht wunderbar routiniert seinen Weg.
Herr Mustermann ist zu einer MRT-Untersuchung seiner Halswirbelsäule einbestellt, denn seit Wochen plagen ihn ein Stechen im Nacken und hartnäckige Kopfschmerzen. Nun soll endlich geklärt werden, was hinter diesen Beschwerden steckt.
Er betritt eine Empfangshalle, die in ihrer emotionalen Wärme an einen Schockfroster erinnert. Statt einer zentralen Anlaufstelle mit lächelndem Empfangspersonal erblickt Mustermann ein Meer von Zellen, in denen man der Verwaltung mittels Krankenkassenkarte seine gesundheitliche Bilanz offenlegt. Sie wirken in Größe und Ausstrahlung, als habe der Architekt sich einst dem Design von Sardinenbüchsen verschrieben.
Eine Drohne kommt herangesurrt. »Bitte begeben Sie sich in Kabine 31. Reihe drei, erste von links.«
Noch bevor Mustermann antworten kann, ist das Fluggerät wieder im Bauch des Verwaltungssystems verschwunden.
Er nimmt in der zugewiesenen Zelle Platz. Ein Display flackert auf: ›Bitte halten Sie Ihre Gesundheitskarte an das Lesegerät.‹
Während er Auskunft über vergangene medizinische Peinlichkeiten und Erkrankungen erteilt, hört er jemanden telefonieren.
»Ja, von der Firma Medical Intelligence … genau … die Vertretung, richtig. Ich soll den Patch einspielen. Wie bitte? … Wo lang? … Okay. Ich hoffe, das sind hier schon die neuen Systeme mit dem höchstwertigen Byte links und nicht rechts, weil der Patch nur –«
Mehr kann Mustermann nicht hören, denn da ist der Techniker schon hinter einer sich zischend schließenden Tür verschwunden.
Auf dem Bildschirm erscheint die Meldung, dass die Bearbeitung abgeschlossen ist: ›Vielen Dank für Ihre Geduld. Bitte begeben Sie sich in Sektor D, Diagnostik und Vorbereitung. Zweites Stockwerk, Zimmer 205 ist für Sie vorbereitet. Schön, dass Sie sich für Medical Intelligence entschieden haben. Wir wünschen einen angenehmen Aufenthalt.‹
Mustermann begibt sich in das ihm zugewiesene Zimmer und fühlt sich in seine Jugend zurückversetzt. Damals hatte er ein Praktikum als Maurer absolviert und in ähnlich geräumigen Bauwagen seine Mittagspausen verbringen müssen.
Sein Blick fällt auf mittelmäßig frische Blumen in einer Plastikvase auf einem Brett an der Wand. Darüber hängt ein Flachbildschirm und zeigt in einer Endlosschleife Bilder von Stränden und im Meer versinkender Abendsonnen. Gegenüberliegend befinden sich ein Bett und ein Spind.
Mustermann legt seine Tasche ab, denkt noch darüber nach, ob man das Meeresrauschen, das aus leicht kratzenden Deckenlautsprechern zu hören ist, wohl abschalten kann, als sich die Zimmertür hinter ihm mit einem leisen Klick öffnet. Ein quadratischer Beistelltisch von etwa einem Meter Höhe kommt auf drei kleinen Rollen hereingehuscht. »Guten Tag, Herr Mustermann. Ich bin Health, Ihr persönlicher Begleiter während Ihres Aufenthalts in unserem Hause.«
Drei Arme fahren suchend in verschiedene Fächer des Kastens und ziehen ein Operationshemd sowie eine Dose mit zwei Tabletten hervor. »Nehmen Sie bitte die Tabletten ein und ziehen Sie dieses Hemd an. In zehn Minuten werden Sie abgeholt.«
Mustermann schaut den Tisch verwundert an. »Umziehen? Für ein MRT?«
»Das ist für alle Gäste unseres Hauses so üblich. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.« Der Roboter reicht ihm Pillen und Operationshemd.
»Und wo soll ich meine Sachen so lange ablegen?«, fragt Mustermann zögernd, während er langsam die Utensilien greift. »Die legen Sie bitte in den Spind, den Sie hier zu meiner Rechten sehen.«
Mit dem dritten Arm weist der kleine Kasten auf den Schrank neben sich.
»Das ist aber zu deiner Linken, oder?«
Der Roboter dreht sich einmal um sich selbst. »Oh, selbstverständlich. Meine Linke. Vielen Dank, Herr Mustermann. Schön, dass Sie Gast in unserem Hause sind. Wir hoffen, Sie haben einen angenehmen Aufenthalt.«
Mustermann legt Kleidung und Uhr ordentlich in den Schrank, begibt sich ins Bett, schluckt die Tabletten, schaut zur Zimmerdecke und ist weg.
Als er wieder zu sich kommt, ist er irritiert. Er liegt auf dem Rücken, jedoch scheint ihm jemand ein Kissen ins Gesicht zu drücken. Instinktiv will er es greifen, schlägt sich dabei aber auf den Hinterkopf. Verwirrt zieht er den Kopf zurück, wodurch der Druck des Kissens in sein Gesicht allerdings nur zunimmt. Er wirft den Kopf zur Seite und schreit um Hilfe.
Mit einem Klick öffnet sich die Tür. Health ist wieder da. »Guten Tag, Herr Mustermann. Ich hoffe, Sie sind mit dem Ergebnis zufrieden. Es hat sich gezeigt, dass Ihre Schmerzen daher rührten, dass Ihr Kopf die ganze Zeit falsch herum auf Ihren Schultern saß. Medical Intelligence hat das Problem umgehend für Sie behoben. Danke, dass Sie uns Ihr Vertrauen geschenkt haben.«
Mustermann fährt auf. »Was habt ihr mit mir gemacht?«
»Sie sind geheilt. Ihr Kopf war lediglich verdreht«, antwortet der Tisch in freundlichem Ton.
»Verdreht? Hast du jemals von einem Menschen gehört, der unbemerkt jahrzehntelang mit verdrehtem Kopf rumgerannt ist? Das kann doch nicht euer Ernst sein!«
Health zögert. »Einen Moment, bitte.«
Ende von Teil 1
Wie es für Herrn Mustermann weitergeht, liest du im BuchKnall-Forum
Der zweite Teil ist deutlich länger als der erste, und er wird deutlich schlimmer. Es kommen vor: ein Empathiesystem namens SOCRATES, eine Kundenzufriedenheitsumfrage mit zwei Antwortmöglichkeiten und eine Schranktür.
Teil 2 im Forum lesen →Kostenlos lesbar, Anmeldung nur zum Mitreden nötig.
Die Hugos sind vergeben. Auf der LAcon V in Anaheim, der 84. Worldcon, gewann am 30. August Alix E. Harrow mit The Everlasting den Hugo für den besten Roman. Die beste Novelle kommt von Amal El-Mohtar (The River Has Roots), die beste Serie ist John Scalzis Old Man's War, deutschen Lesern als Krieg-der-Klone-Reihe vertraut. Der Astounding Award für die beste neue Stimme ging an Antonia Hodgson. Ob und wann Harrows Roman auf Deutsch erscheint, ist offen; sobald es so weit ist, steht er im Lexikon.
LAcon V · 84. Worldcon · 30.08.2026Dark Matter geht bei Apple TV in die zweite Staffel. Die erste hat Blake Crouchs Roman erzählt und dabei ausgereizt, was das Multiversum als Erzählform hergibt, und zwar als Frage danach, welches Leben einem gehört, statt als Spielwiese für Cameos. Für Staffel zwei verlässt die Serie die Buchvorlage. Joel Edgerton und Jennifer Connelly sind wieder dabei. Staffel eins lohnt sich als abgeschlossene Geschichte auch dann, wenn man danach aufhört.
Apple TVApple arbeitet an einer Serienfassung von William Gibsons Neuromancer, zehn Folgen, Callum Turner als Case, Briana Middleton als Molly, Showrunner ist Graham Roland. Ein Starttermin steht bislang nicht fest. Die spannende Frage lautet, ob sich Cyberpunk heute verfilmen lässt, ohne bei Blade Runner abzubiegen: Gibsons Buch ist von 1984 und beschreibt eine Zukunft, deren Ästhetik seither von allen anderen benutzt wurde.
Apple TV+Ridley Scott verfilmt Peter Hellers The Dog Stars, Kinostart über 20th Century Studios. Der Roman spielt neun Jahre nach einer Pandemie und ist im Kern eine Geschichte über einen Mann, ein Kleinflugzeug und einen Hund. Interessant ist die Wahl: Scott hat mit Alien und Blade Runner zwei der düstersten Zukünfte des Kinos gebaut. Hier liegt der Stoff genau andersherum, die Postapokalypse ist bei Heller ein Ort, an dem Hoffnung nicht naiv wirkt. Für alle, die die vorige Ausgabe dieses Magazins gelesen haben, ist das die direkte Fortsetzung des Themas.
20th Century StudiosStar Trek: Strange New Worlds ist in der vierten Staffel, und die fünfte wird die letzte. Bemerkenswert ist Folge fünf: eine Episode mit Puppen, aufwendig gebaut und gespielt, mit Puppenspielerinnen und Puppenspielern statt Digitaleffekten. Man kann das für Unfug halten. Man kann darin auch die Frage sehen, wie weit ein 60 Jahre altes Format mit sich selbst spielen darf, ohne sich zu verlieren. Die Serie beantwortet sie seit ihrem Start mit erstaunlicher Sicherheit.
Paramount+Ein Signal ist erst dann eine Nachricht, wenn jemand es für eine hält.
So viele Bit hat die Arecibo-Botschaft. Die Zahl ist das Produkt der Primzahlen 23 und 73 und damit die eigentliche Gebrauchsanweisung: Sie sagt dem Empfänger, wie er die Kette falten soll.
Empfangsanlage abzugeben, 12 m Schüssel, betriebsbereit, Standort abgelegen. Grund: Wir haben etwas gehört und möchten jetzt lieber nichts mehr hören. Selbstabholung, Anfahrt nur bei Tageslicht. Chiffre M13.
Verlage reagieren zunehmend empfindlich auf den Verdacht, ein eingereichtes Manuskript sei ganz oder teilweise maschinell erzeugt. Das ist nachvollziehbar und schafft ein neues Problem.
Denn die Werkzeuge, mit denen dieser Verdacht geprüft wird, sind schwach. Sogenannte KI-Detektoren arbeiten mit statistischen Merkmalen von Texten und liefern eine Wahrscheinlichkeit, keinen Nachweis. Sie schlagen bei Menschen an, die gleichmäßig schreiben, bei Übersetzungen und bei Nichtmuttersprachlern. Ein Verdacht, der auf so einer Grundlage entsteht, lässt sich schwer entkräften, weil es nichts zu widerlegen gibt.
Für ein Verhältnis, das ohnehin auf Vertrauen beruht, ist das eine ungute Entwicklung. Die belastbarere Richtung führt über Nachweise statt über Erkennung: Entwurfsstände, Fassungen, Arbeitsspuren. Wer zeigen kann, wie ein Text entstanden ist, braucht keinen Detektor, der ihm bescheinigt, dass er ihn vermutlich selbst geschrieben hat.
Unsere eigene Linie ist bekannt und ändert sich nicht: Menschliche Kunst bleibt menschlich. KI hat bei uns im Maschinenraum ihren Platz, bei Organisation und Verwaltung. Sobald sie das Werk berührt, ist Schluss, beim Text wie beim Cover. Wir prüfen jede Einreichung von Hand und lehnen ohne Aufhebens ab.
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Ein bestätigtes Signal erreicht die Erde. Sollten wir antworten?
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Wie aus Koordinaten ein Himmel entsteht
Das Planetarium läuft längst: auf buchknall.com, im Browser, mit echten Sternkatalogen. Hier steht, wie es gebaut wurde und was wir dabei gelernt haben.
Ein Stern hat zwei Zahlen, und beide klingen komplizierter, als sie sind. Rektaszension ist der Längengrad des Himmels, gemessen in Stunden, Minuten und Sekunden, weil sich das Ganze einmal am Tag unter uns wegdreht. Deklination ist der Breitengrad, gemessen in Grad, von plus 90 am Himmelsnordpol bis minus 90 im Süden. Zusammen zeigen sie auf einen Punkt an einer gedachten Kugel um die Erde. Mehr braucht es nicht, um einen Stern zu speichern, und weniger geht auch nicht.
Woher die Zahlen kommen, war die erste echte Entscheidung. Es gibt großartige Kataloge, und sie haben unterschiedliche Zwecke. Der ATHYG-Katalog ist eine Zusammenführung mehrerer Quellen und auf die hellen, mit bloßem Auge sichtbaren Sterne ausgelegt, samt Eigennamen, Bayer-Bezeichnungen und Entfernungen. Die Gaia-Daten der ESA sind das Gegenteil davon: astrometrisch extrem präzise, dafür in einer Größenordnung, die kein Browser am Stück laden möchte. Wir arbeiten mit einer Auswahl, die sich an der Helligkeit orientiert, und behalten die Möglichkeit offen, für einzelne Regionen tiefer nachzuladen.
Der Fotohimmel im Hintergrund ist eine zweite Baustelle. Er stammt aus dem Digitized Sky Survey in der zweiten Fassung, also aus digitalisierten Fotoplatten großer Himmelsdurchmusterungen. Diese Kacheln haben eine eigene Tücke: Sie sind in einer Projektion aufgenommen, die man beim Zusammensetzen berücksichtigen muss, sonst wandern die Sterne aus den Katalogdaten gegenüber dem Foto, und zwar am Rand stärker als in der Mitte. Wenn beides nicht deckungsgleich ist, sieht man das sofort, auch ohne Astronomiestudium. Es wirkt einfach falsch.
Und damit sind wir bei der Frage, warum wir uns diese Mühe überhaupt machen. Man könnte einen hübschen Sternenhintergrund in zwanzig Minuten aus Zufallszahlen erzeugen, und neunundneunzig Prozent der Besucher würden den Unterschied nicht bemerken. Der Punkt ist das eine Prozent und noch mehr die Sache selbst. Wer bei uns M13 aufruft, soll dort hinsehen, wo M13 wirklich steht, im Sternbild Herkules, zwischen Eta und Zeta Herculis. Der Kugelsternhaufen in dieser Ausgabe hat eine Adresse, an die 1974 tatsächlich etwas geschickt wurde. Diese Adresse zu erfinden wäre der eine Fehler, den ein Magazin über Signale nicht machen darf.

Atempause
Das Universum ist seit Milliarden Jahren still. Das Problem mit dem ersten Signal wäre, dass danach vermutlich niemand mehr schlafen geht.
Aussicht
Das nächste Heft
In dieser Ausgabe haben wir gefragt, was passiert, wenn jemand spricht. Die Frage danach ist unbequemer. Sie handelt davon, was wir mit einer Antwort anfangen, die wir nicht verstehen. Ausgabe 04 nimmt sie an einem Fall auf, der gerade wirklich läuft: fünf Chargen freigegebener UAP-Akten und kein Beweis.
Dank
Der Dank dieser Ausgabe geht an Erik Harlandt, der sich für zwölf Fragen Zeit genommen und keine davon ausweichend beantwortet hat, und an Johanna Brenne, die uns ehrlich gesagt hat, was ein Monat ganz oben bringt und was nicht.

