Apokalypse-Roman
Die Literatur vom Ende der Welt: Science-Fiction, die den Moment der Katastrophe erzählt, den Zusammenbruch der Zivilisation und die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn alles andere verschwunden ist.
Der Apokalypse-Roman ist eines der ältesten Subgenres der Science-Fiction und hat seine Wurzeln in religiöser Literatur. Mary Shelleys The Last Man (1826) gilt als einer der ersten säkularen Apokalypse-Romane: Eine Seuche löscht die Menschheit aus, und der letzte Überlebende wandert durch ein leeres Europa. Die Angst vor dem Ende begleitet die Literatur seitdem durch jede Epoche, wobei sich die Art der Katastrophe mit den Ängsten der Zeit wandelt.
Nach Hiroshima dominierten nukleare Apokalypsen. Nevil Shutes On the Beach (1957) erzählt von den letzten Monaten der Menschheit in Australien, während die radioaktive Wolke eines Atomkriegs langsam nach Süden kriecht. Walter Miller Jr.s A Canticle for Leibowitz (1960) überspannt Jahrhunderte und zeigt, wie Mönche in einer post-nuklearen Wüste das Wissen der Vorkriegszivilisation bewahren, nur um zuzusehen, wie die wiederaufgebaute Gesellschaft erneut Atomwaffen entwickelt. Der Roman bleibt eine der bittersten Aussagen über den menschlichen Hang zur Selbstzerstörung.
Cormac McCarthys The Road (2006) reduzierte das Genre auf seine Essenz: Ein Vater und sein Sohn wandern durch eine graue, verbrannte Welt, in der fast alles Leben erloschen ist. McCarthy benennt die Katastrophe nie, und die Handlung ist so einfach wie erschütternd. Das Buch gewann den Pulitzer-Preis und zeigte, dass Apokalypse-Literatur in der höchsten Liga der Gegenwartsliteratur angekommen ist.
Emily St. John Mandels Station Eleven (2014) verschob den Fokus: Die Grippe-Pandemie, die 99 Prozent der Menschheit tötet, wird in Rückblenden erzählt. Die eigentliche Geschichte spielt 20 Jahre später und handelt von einer Theatertruppe, die Shakespeares Stücke in den Überresten der Zivilisation aufführt. Mandels These: Was den Zusammenbruch überlebt, ist Kunst.
Das Genre unterscheidet sich vom Post-Apokalypse-Roman durch den zeitlichen Fokus. Der Apokalypse-Roman erzählt den Moment des Zusammenbruchs selbst, die Panik, das Versagen der Institutionen, die letzten Nachrichten. Der Post-Apokalypse-Roman beginnt, wenn der Staub sich gelegt hat, und fragt, was danach kommt. Viele Romane (The Road, Station Eleven, A Canticle for Leibowitz) überspannen beide Phasen.
Die aktuelle Welle der Klima-Apokalypse-Literatur (Climate Fiction oder Cli-Fi) bringt eine neue Dimension: Der Untergang kommt nicht plötzlich, sondern schleichend. Kim Stanley Robinsons The Ministry for the Future (2020) erzählt von einer Hitzewelle in Indien, die 20 Millionen Menschen tötet, und den politischen Folgen. Die Schwierigkeit für Autoren: Wie macht man eine Katastrophe spannend, die sich über Jahrzehnte erstreckt und keinen klaren Wendepunkt hat?
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