Autarke Kolonie
Eine Weltraumsiedlung, die ohne Nachschub von der Erde überlebensfähig ist: das ultimative Ziel jeder Kolonisierungsstrategie und gleichzeitig die größte technische Herausforderung.
Autarkie bedeutet vollständige Selbstversorgung: Nahrung, Wasser, Luft, Energie, Medizin und industrielle Güter müssen vor Ort produziert werden, ohne auf Lieferungen von der Erde angewiesen zu sein. Für eine Mars-Kolonie liegt die geschätzte Mindestgröße bei 10.000 bis 100.000 Menschen, je nach Studie. Unter dieser Schwelle fehlen die Arbeitskräfte und die genetische Vielfalt, um eine Gesellschaft über Generationen aufrechtzuerhalten.
Das Biosphere-2-Experiment in Arizona (1991-1993) zeigte, wie schwierig geschlossene Ökosysteme sind. Acht Menschen lebten zwei Jahre in einem hermetisch abgeschlossenen Komplex mit Regenwald, Savanne, Ozean und Ackerland. Das Experiment scheiterte teilweise: Der Sauerstoffgehalt sank auf 14,5 Prozent (normalerweise 21 Prozent), weil Bodenmikroben mehr Sauerstoff verbrauchten als erwartet. Die Nahrungsproduktion reichte knapp, aber die Teilnehmer verloren durchschnittlich 16 Prozent ihres Körpergewichts. Die Lehre: Ökosysteme sind komplexer als jedes Modell vorhersagen kann.
In der Science-Fiction ist die autarke Kolonie ein Dauerthema. Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie (1992-1996) beschreibt den Weg von einer abhängigen Basis zu einer autarken Zivilisation über Generationen: die ersten Siedler bauen Gewächshäuser, die nächste Generation baut Fabriken, und erst die dritte Generation erreicht tatsächliche Unabhängigkeit. Robinson betont, dass Autarkie nicht nur ein technisches, sondern ein politisches Problem ist: Wer unabhängig produziert, will auch unabhängig regieren, was zwangsläufig zum Konflikt mit der Erde führt.
Becky Chambers' Monk-and-Robot-Bücher zeigen eine post-autarke Gesellschaft: eine Zivilisation, die gelernt hat, im Gleichgewicht mit ihrem Planeten zu leben, nachdem die Roboter die industrielle Arbeit eingestellt haben und in die Wildnis gegangen sind. Chambers stellt die Frage, was Autarkie für eine Gesellschaft bedeutet, die nicht mehr wachsen muss.
Praktisch verfolgt die NASA das Konzept der ISRU (In-Situ Resource Utilization) als Vorstufe zur Autarkie: Treibstoff und Wasser vor Ort aus Marseis und Mondregolith gewinnen, statt alles von der Erde mitzubringen. SpaceX' Starship-Konzept setzt auf ISRU-Methan-Produktion auf dem Mars als Voraussetzung für die Rückreise. Die vollständige Autarkie, einschließlich Medizinproduktion, Mikrochip-Fertigung und genetischer Diversität, liegt allerdings Jahrzehnte bis Jahrhunderte jenseits unserer aktuellen Fähigkeiten.
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