Big Dumb Object
Science-Fiction-Erzähltypus, in dem eine rätselhafte, überdimensionale Megastruktur unbekannten Ursprungs den Mittelpunkt der Handlung bildet.
Der britische Kritiker Roz Kaveney prägte den Begriff 1981 in einem Essay für die Zeitschrift Foundation. Big Dumb Object (BDO), also 'großes dummes Ding', war ironisch gemeint: Kaveney beschrieb damit Romane, in denen eine kolossale, geheimnisvolle Struktur die Handlung dominiert, ohne dass ihre Natur oder ihr Zweck jemals vollständig erklärt wird. Die Figuren erkunden das Objekt, staunen über seine Ausmaße, und am Ende bleiben mehr Fragen als Antworten.
Das Urbild des BDO in der modernen Science Fiction ist Arthur C. Clarkes Rendezvous with Rama (1973). Ein zylindrisches Objekt, 50 Kilometer lang und 16 Kilometer im Durchmesser, rast ins Sonnensystem. Ein Erkundungsteam betritt es und findet eine hohle, rotierende Welt mit einer eigenen Atmosphäre, einem gefrorenen Meer und Spuren einer Zivilisation, die nirgends zu sehen ist. Das Objekt umrundet die Sonne, tankt Energie und verschwindet wieder. Warum es kam, wer es baute, was sein Zweck war: Clarke verweigerte die Antwort, und genau darin lag die Faszination.
Larry Nivens Ringworld (1970) ist das zweite klassische BDO. Ein Ring mit dem Durchmesser der Erdumlaufbahn umschließt einen Stern und bietet eine bewohnbare Fläche, die Millionen von Erden entspricht. Die Erkundung dieser Struktur treibt die Handlung, aber Niven ging einen anderen Weg als Clarke: Er erklärte die Ingenieursprinzipien hinter der Ringwelt und verwandelte das BDO in ein Hard-SF-Puzzle.
Die Tradition des BDO reicht allerdings weiter zurück. Robert A. Heinleins Orphans of the Sky (1941/1963) spielt auf einem Generationenschiff, dessen Passagiere vergessen haben, dass sie sich auf einem Schiff befinden. Bob Shaws Orbitsville (1975) beschreibt eine Dyson-Sphäre, die Milliarden Jahre altes Leben beherbergt. Greg Bears Eon (1985) lässt einen Asteroiden im Erdorbit auftauchen, dessen Inneres einen unendlich langen Tunnel enthält, der in die Zukunft führt.
Was macht das BDO als Erzählform so wirkungsvoll? Es erzeugt Sense of Wonder durch schieres Ausmaß. Die Figuren werden zu Ameisen, die eine Kathedrale betreten, und der Leser teilt ihre Ehrfurcht. Gleichzeitig funktioniert das BDO als literarisches Gerüst: Es gibt der Handlung eine räumliche Struktur (die Figuren bewegen sich durch das Objekt), ein Ziel (das Objekt verstehen) und ein Geheimnis (die Erbauer und ihren Zweck).
Moderne BDO-Romane haben das Konzept weiterentwickelt. Alastair Reynolds' Pushing Ice (2005) lässt einen Mond des Saturn plötzlich davonfliegen und entpuppt sich als außerirdisches Artefakt. Adrian Tchaikovskys Shards of Earth (2021) stellt Monde dar, die von einer gottähnlichen Macht zerknüllt wurden wie Papier. In Jeff Vandermeers Annihilation (2014) ist das BDO kein Objekt aus Metall, sondern eine biologische Zone (Area X), die alles verändert, was sie berührt.
Der Begriff 'dumb' in Big Dumb Object ist dabei missverstanden worden. Kaveney meinte nicht, dass die Objekte dumm seien, sondern dass sie stumm sind: Sie kommunizieren nicht. Und genau diese Verweigerung der Kommunikation ist es, die den Leser zwingt, eigene Bedeutungen zu projizieren.
Verwandte Begriffe