Konzept

Globus Cassus

Gedankenexperiment des Schweizer Künstlers Christian Waldvogel: die Erde in ein hohles, umgestülptes Megahabitat verwandeln.

Globus Cassus (lateinisch: hohler Globus) ist ein Kunstprojekt und Gedankenexperiment des Schweizer Architekten und Künstlers Christian Waldvogel aus dem Jahr 2004. Die Idee: Die gesamte Masse der Erde wird abgebaut und zu einer riesigen hohlen Ikosaeder-Struktur mit einem Durchmesser von etwa 85.000 Kilometern umgebaut. Die Menschheit lebt auf der Innenseite dieser Hülle, mit der Sonne als zentraler Lichtquelle, die durch große Öffnungen in der Struktur scheint.

Das Projekt ist bewusst als Grenzfall zwischen Wissenschaft, Architektur und Kunst angelegt. Waldvogel rechnete die Materialmengen, Gravitationsverhältnisse und Energiebilanzen tatsächlich durch. Die Innenfläche des Globus Cassus wäre etwa 20 Mal so groß wie die Erdoberfläche. Die Schwerkraft an der Innenseite wäre allerdings deutlich geringer als auf der Erde, was Rotation als Kompensation erfordern würde.

Der Globus Cassus wurde 2004 auf der Architekturbiennale in Venedig ausgestellt und gewann den Goldenen Löwen in der Kategorie Zukunftsprojekte. Waldvogel betont, dass es ihm nicht um einen technischen Bauplan geht, sondern um die Frage, was passiert, wenn man die Erde als Ressource und nicht als Heimat denkt.

Als Gedankenexperiment steht der Globus Cassus in einer Tradition mit anderen Umgestaltungsfantasien: Olaf Stapledons Star Maker (1937) beschreibt Zivilisationen, die ihre Planeten radikal umbauen. Freeman Dysons Sphäre folgt einer ähnlichen Logik, nur auf stellarer statt planetarer Ebene.

Der eigentliche Reiz von Globus Cassus liegt für mich in seiner Frage, nicht in seiner Machbarkeit. Waldvogel rechnet die Erde komplett auseinander und stülpt sie nach innen, bis wir auf der Innenseite einer hohlen Welt leben, die Sonne in der Mitte. Das ist als Bauplan natürlich Wahnsinn, aber als Gedankenexperiment ist es bestechend. Es zwingt uns zu der Frage, was die Erde für uns eigentlich ist, eine Heimat, die man bewahrt, oder ein Materiallager, das man verwertet.

Genau diese Spannung macht das Projekt zu Kunst und nicht zu Ingenieurwesen. Es gewann nicht zufällig einen Architekturpreis statt eines Wissenschaftspreises. Globus Cassus nimmt die Logik der Megastrukturen, immer größer und immer mehr Wohnfläche, und treibt sie bis zum Punkt der Selbstauflösung, an dem die Heimat selbst zum Rohstoff wird. Als Mahnung gelesen, ist es vielleicht die ehrlichste aller Megastruktur-Fantasien.

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Globus Cassus. In: BuchKnall, das Science-Fiction-Lexikon. URL: https://www.buchknall.com/glossar/globus-cassus/ (abgerufen am 04.06.2026).