Interview · 7. Oktober 2026

Brandon Q. Morris im Interview

„Das Wichtigste ist aber immer ein gutes Buch.“

Brandon Q. Morris gehört zu den fleißigsten Autoren der deutschsprachigen Hard SF. Hinter dem Pseudonym steht der Physiker und frühere Technikjournalist Matthias Matting, der seit 2017 Science-Fiction veröffentlicht, inzwischen mehr als 70 Bücher in sechs Sprachen. Wir haben ihn schriftlich befragt: über seinen Weg zur Science-Fiction, die Grenze zwischen Physik und Geschichte und darüber, was eine fünfte Grundkraft für die Physik bedeuten würde.

Stellen Sie sich unseren Leserinnen und Lesern doch kurz vor: Wer steckt hinter Brandon Q. Morris, und warum haben Sie sich für ein Pseudonym entschieden?

Brandon heiße ich nun schon so lange, dass ich das gar nicht mehr so richtig als Pseudonym ansehe. Im Nachwort, in E-Mails oder Newslettern kommuniziere ich immer als Brandon. Wie kam es dazu? Ich habe eigentlich schon immer daran gedacht, Leser in vielen Sprachen anzusprechen. Nun akzeptieren deutsche Buchkäufer in der SF bereitwillig englisch klingende Namen. Andersherum funktioniert es aber nicht, Amerikaner sind da nicht so offen. Das Pseudonym ist aber offen, auf Social Media findet man beide Namen.

Sie haben in Dresden Physik studiert und danach viele Jahre als Technikjournalist gearbeitet, unter anderem bei Computer Bild, Wirtschaftswoche und Focus. Wie kam 2017 der Schritt zur Science-Fiction?

Die legendäre „64er“ nicht zu vergessen! SF habe ich schon immer verschlungen und auch ab und an mal etwas geschrieben. Mit 12 habe ich sogar mal Geld für eine Kurzgeschichte bekommen, die in einem DDR-Magazin veröffentlicht wurde. Aber dass das wirklich ein Beruf sein kann, da war ich immer skeptisch. Man muss ja nur mal auf eine Buchmesse gehen. Bei den Tausenden Neuerscheinungen soll sich dann ausgerechnet dein Buch verkaufen? Doch dann kam Amazon mit dem Kindle Direct Publishing, und das hat alles verändert. Ich brauchte gar keinen Verlag mehr, und dann habe ich natürlich überlegt, was mir als Physiker besonders liegt. Und das hat funktioniert. Sicher war ich mir da überhaupt nicht.

Ihre Bücher sind Hard SF. Wie viel Recherche steckt in einem Roman, und wo ziehen Sie die Grenze zwischen dem, was physikalisch stimmt, und dem, was die Geschichte braucht?

Es steckt immer die Differenz an meinem Vorwissen und dem, was ich für das Buch brauche, darin. Manches weiß ich einfach (und jetzt, nach über 70 Büchern, ist das schon einiges), was fehlt, muss ich herausfinden. Mein neuestes Buch, Das Archimedische Raumschiff, spielt in der Römischen Republik. Da fehlte mir sehr viel Wissen, also brauchte ich mehr Recherche. Das Schöne ist, dass ich nun allerhand über die alten Römer weiß. Es macht also immer Spaß.

Gibt es eine wissenschaftliche Entdeckung der letzten Jahre, die Sie direkt zu einem Buch inspiriert hat?

Oh, es sind eigentlich dauernd neue Entdeckungen oder Phänomene, die den Anstoß geben. Am wichtigsten waren sicher die Entdeckungen der Cassini-Sonde bei Enceladus und Titan, die zwei wirklich faszinierende Welten sind.

Sie veröffentlichen erstaunlich regelmäßig. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ich arbeite quasi nine to five, nur etwas verschoben: Ich stehe nicht vor zehn Uhr auf, esse um vierzehn Uhr etwas, dann folgt wieder etwas Arbeit bis sechs oder sieben, und in heißen Phasen vielleicht auch noch mal ab dreiundzwanzig Uhr ein, zwei Stündchen. Am Wochenende ist frei. Außerdem mache ich recht viel Urlaub, ganz ohne Arbeit.

Sie setzen auf Selfpublishing. Was hat Sie dazu gebracht, und was würden Sie jemandem raten, der gerade sein erstes SF-Buch selbst veröffentlichen will?

Amazon hat mich dazu gebracht, ganz klar. Man braucht da wirklich nicht viel, um eine große Leserschaft zu erreichen. Es funktioniert nicht immer alles so, wie ich das gern hätte, aber nirgends erreiche ich meine Leserinnen und Leser so direkt. Das Wichtigste ist aber immer ein gutes Buch. Man kann Unsummen für Marketing ausgeben, aber wenn das Buch nicht gut ist, hilft das alles nichts. Also nicht an der Qualität sparen, und das, was man nicht selbst sehr gut kann, an Dritte geben.

Ihre Bücher erscheinen auf Deutsch und auf Englisch. Merken Sie Unterschiede zwischen den beiden Leserschaften?

Und Spanisch, Italienisch, Französisch und Portugiesisch. Tatsächlich weiß ich vorher nie, welches Buch sich in welchem Land besonders gut verkaufen wird. Es gibt also Unterschiede, aber ich kann sie nicht systematisch identifizieren. Nett sind sie alle.

Sie haben jahrelang über Technik geschrieben. Wie stehen Sie zu künstlicher Intelligenz, als Thema in Ihren Geschichten und als Werkzeug beim Schreiben?

Wir wissen heute noch nicht, was Intelligenz ist. Wenn wir über Künstliche Intelligenz sprechen, meinen wir entweder etwas, das es in Zukunft geben könnte, in bisher unbekannter Form, oder wir sprechen von LLMs („ChatGPT“) bzw. neuronalen Netzen (Google Deepmind). Ob daraus mal „KI“ wird, das kann man so oder anders sehen. Ich bin vorsichtig gespannt. LLMs können als sog. Generative KI hilfreich sein. Ich nutze sie zur Recherche; als langjähriger Journalist weiß ich natürlich, wie wichtig es ist, seine Quellen zu prüfen. Meine Bücher schreibe ich selbst und auch die Cover und Übersetzungen lasse ich von Menschen gestalten. Computer sollen uns doch bitte von stupiden Aufgaben befreien; eine KI, die meine Steuer macht, wäre toll. Das Schreiben und Kreativität im allgemeinen gehören für mich nicht dazu.

Mit welchem Ihrer Bücher sollte jemand einsteigen, der Sie noch nicht kennt? Und welches liegt Ihnen selbst besonders am Herzen?

Das ist auf jeden Fall „Enceladus“. Fast all meine Bücher spielen im selben Universum, und dieses Buch legt die Grundlage dafür. „Fünfeinviertel“ liegt mir fast so sehr am Herzen, das zu schreiben war eine schöne Reise zurück in die Homecomputer-Ära.

Die Physik des Universums wird morgen mit einer zusätzlichen Grundkraft erweitert. Was ist sie und wieso wird das ein Problem?

Wenn es überhaupt eine fünfte Kraft gibt (was ich für fraglich halte), dann beschreibt sie die Wechselwirkung der Dunklen Materie mit sich selbst. Dunkle Materie brauchen wir in unserem Modell von der Welt, um zahlreiche Phänomene zu erklären, u.a. die Art und Weise, wie Galaxien rotieren. Wir wissen aber nicht, worum es sich dabei handelt. Derzeit gehen wir davon aus, dass sie nur über Gravitation mit normaler Materie interagiert. Vielleicht auch über die schwache Kernkraft. Aber grundsätzlich könnte sie ihre eigene Wechselwirkung bzw. Kraft haben, mit Übertragungsteilchen, die diese vermitteln, die „Dunkle Photonen“ genannt werden. Ein Problem wäre das nur für die angestrebte Verbindung von Relativität und Quantenphysik; in der Quantenphysik ist nämlich definitiv kein Platz für eine zusätzliche Kraft. Und die Quantenphysik ist eine der am besten getesteten Theorien, die wir haben.

Und natürlich wollen die Leserinnen und Leser wissen: Woran arbeiten Sie gerade, und was wünschen Sie sich von einer Seite wie BuchKnall?

Gerade schreibe ich „Das Echo-Protokoll“ – ein Roman, der weit in der Zukunft in einer Stadt namens Aeterna beginnt, die sich in einer tausendjährigen Zeitschleife befindet. Bin ansonsten ziemlich wunschlos glücklich (also von dem Wunsch nach Weltfrieden und Gerechtigkeit und einer gewissen Angst um unsere Demokratie abgesehen), aber wenn BuchKnall noch mehr Menschen SF näherbrächte, wäre das gut.

Das Interview wurde im Oktober 2026 schriftlich geführt. Die Fragen stellte Steffen Vogt für BuchKnall, die Antworten stammen von Matthias Matting (Brandon Q. Morris).

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