Interview · 7. Oktober 2026
Reinhold Zitzlsperger im Interview
„Wer gewinnt? Die Guten, natürlich.“
Reinhold Zitzlsperger war 37 Jahre bei der Berufsfeuerwehr München, als Feuerwehrmann, Rettungsassistent und Höhenretter. Mit 50 holte er das Abitur nach und studierte Psychologie. Sein Roman „Wie die Göttinnen auf die Erde kamen“ verbindet Cli-Fi, Dystopie und Solarpunk: Der Klimawandel hat einen globalen Bürgerkrieg ausgelöst, Roboter erwachen zum Bewusstsein, und ein Space Elevator steht ausgerechnet in Ottobrunn bei München. Wir haben ihn schriftlich befragt.
Stell dich unseren Leserinnen und Lesern doch kurz vor: Wer bist du, wo lebst du, und wie bist du nach 37 Jahren bei der Berufsfeuerwehr München zum Schreiben gekommen? Gibt es aus diesem Beruf etwas, das in deinem Schreiben steckt?
Ich bin 1961 geboren und mein Leben verlief nicht linear. Ich war als junger, unreifer Mensch zwei Jahre am Gymnasium und verließ es unrühmlich mit sehr schlechten Noten. Es folgten eine Ausbildung als Elektrogerätemechaniker (ein heute ausgestorbener Beruf), Zivildienst und schließlich bin ich bei der Berufsfeuerwehr in München gelandet, ohne irgendeine Vorstellung, was das bedeutet. Eine glückliche Fügung! Mit großer Leidenschaft habe ich als Feuerwehrmann, Rettungsassistent und Höhenretter gearbeitet und ein Stressbearbeitungsteam aufgebaut. Ich bin eigentlich immer neugierig auf neue Sachen, habe mit 50 das allgemeine Abitur nachgeholt und anschließend Psychologie studiert. Als Berufsfeuerwehrmann bin ich öfters in Extremsituationen gelandet, auch in lebensbedrohlichen. In menschliche und psychische Grenzsituationen. Das steckt auch in meinem Schreiben. Einsatzkräfte werden in Filmen fürchterlich klischeehaft dargestellt. Dem will ich etwas entgegensetzen. Ich habe auch Verletzungen erlebt, psychische und physische, bei mir und bei Betroffenen. Wenn einem so etwas passiert, muss man damit fertig werden. Das ist ein Aspekt, der in konventioneller Abenteuerliteratur einfach ausgelassen wird. Auch solche Themen spielen in meinem Roman eine Rolle.
Science-Fiction liest du seit der Schulzeit. Welches Buch hat dich damals erwischt, und hält es beim Wiederlesen heute noch?
Angefangen hat es bei mir mit Jules Verne. Dann kam Hans Dominik, den werden viele heute nicht mehr kennen. Was mich sehr gepackt hat, ist die Mark-Brandis-Reihe. Der Autor hat zwar von Raumfahrt keine Ahnung, da gibt es einige Stellen, über die man hinweglesen muss. Aber er beschreibt sehr genau die psychische Entwicklung der Helden, Gewissensfragen, Angst, Unsicherheit, Entschlossenheit. Das hat mich gepackt. Die ersten vier Romane, der sogenannte Weltraumpartisanen-Zyklus, habe ich mehrfach gelesen.
In „Wie die Göttinnen auf die Erde kamen“ steht der Space Elevator in Ottobrunn. Warum ausgerechnet dort?
In Ottobrunn befindet sich der Luft- und Raumfahrtcampus der TU München. Ich dachte mir, da wird sich noch was entwickeln. Rund um Ottobrunn entsteht der größte Luft- und Raumfahrtcampus Europas. Ich muss zugeben, dass ein Standort für einen Space-Elevator am Äquator technisch sinnvoller wäre, aber ich dachte mir, warum nicht mal eine Handlung in Bayern ansiedeln?
Deine Roboter erwachen zum Bewusstsein und fragen sich, welche Rolle sie künftig haben. Wie bist du an diese Figuren herangegangen? Hat dein Psychologiestudium dabei eine Rolle gespielt?
Meine erste Begegnung mit einem Computer, der zum Bewusstsein erwacht, war „Revolte auf Luna“ von Robert Heinlein. Dann bin ich irgendwann auf das Gespräch zwischen dem Computerpionier John von Neumann und dem Mathematiker Stanislaw Ulam aus den 1950ern gestoßen, die einen sogenannten Omega-Punkt vorhersagten: Also einen Punkt, in dem sich ein Computersystem schneller selbst optimieren wird, als menschliche Informatiker das nachvollziehen können. Den letzten Anstoß dafür, KI in die Geschichte einzubauen, war ein Interview mit einem Vater der künstlichen Intelligenz, Jürgen Schmidhuber, der an der TU München die Grundlagen für Sprachmodelle wie Chat gelegt hat. Der sah das ganz ähnlich. In der Anlage meiner KIs habe ich erstmal erforscht, was klassische Science-Fiction-Autoren zu dem Thema zu sagen hatten. Und mein Psychologiestudium hat auch eine Rolle gespielt. In den 1970ern gab es in der akademischen Psychologie die sogenannte „kognitive Wende“. Seitdem weiß man, dass viele psychologische Phänomene auf komplexen Datenverarbeitungsprozessen beruhen. Der menschliche Reflex, einem künstlichen Computer Bewusstsein und Emotionen kategorisch abzusprechen, entspringt meiner Ansicht nach der typisch menschlichen Hybris, sich für etwas ganz Besonderes zu halten. Wir waren schon Zentrum des Universums und Krone der Schöpfung. Das hat sich alles inzwischen erledigt.
Du ordnest das Buch zwischen Cli-Fi, Dystopie und Solarpunk ein. Ist es am Ende eher eine Warnung oder eher ein Entwurf, wie es gut ausgehen könnte?
Am Ende kommt die Utopie. In meiner Geschichte hat der Klimawandel schon stattgefunden und einen globalen Bürgerkrieg ausgelöst, der die Menschheit auf eine archaische Stufe zurückgeworfen hat. Wenn ich mir die grassierende politische Ignoranz zum Thema Klimawandel so anschaue, fällt es mir schwer zu hoffen, dass das alles noch mal gut gehen wird. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Menschen immer eine Chance haben werden. Wenn sie sie ergreifen.
Du hast im Forum geschrieben, das Schönste am Schreiben sei, dass du bestimmst, wer gewinnt. Wer gewinnt in deinem Buch, und war das von Anfang an klar?
Tja, das ist eine gute Frage. Nein, es war nicht von Anfang an klar. Meine Figuren sind mir unter der Tastatur lebendig geworden und haben sich teilweise anders entwickelt, als ich es geplant habe. Widerspenstiges Volk! Irgendwann hat sich dann Stück für Stück die Utopie entwickelt. Wer gewinnt? Die Guten, natürlich. Das reale globale Leben ist dystopisch genug.
Klimafiktion boomt gerade. Was kann ein Roman zum Klimawandel leisten, was ein Sachbuch oder ein Bericht nicht schafft?
Die Fakten liegen auf dem Tisch. Wer es immer noch nicht kapiert hat, will es nicht kapieren. Dagegen kommt man mit einem Sachbuch nicht an. Am anderen Ende haben so manche vielleicht schon die Hoffnung aufgegeben, dass sich die reale Klimazukunft noch einmal zum Guten wenden wird. Viele Jugendliche sind psychisch krank. Sie werden in der Welt leben müssen, die wir ihnen hinterlassen. Ich hoffe, mit meiner Geschichte Menschen Hoffnung zu geben, Diskussionen anzuregen, Möglichkeiten aufzuzeigen. Sie zu aktivieren?
Du kennst die Szene über die Phantastische Bibliothek Wetzlar, Carcosa und das SF-Jahrbuch. Wie steht es aus deiner Sicht um die deutschsprachige Science-Fiction?
Science Fiction war in meiner Jugendzeit eine ziemlich übel beleumundete Nische. Ich kann mich noch an einen Artikel in der Münchner Abendzeitung erinnern, mit dem Titel „Science Fiction, Porno fürs Gehirn?“. Inzwischen ist SF im Mainstream angekommen. Es gibt ganze Kanäle mit entsprechenden Filmen. Jeder kennt Raumschiff Enterprise und die Serie hat sich auch schon enorm vervielfältigt. Wie es um die deutschsprachige Science-Fiction steht? Keine Ahnung. Das kann ich nicht seriös beurteilen.
Woran schreibst du gerade, und bleibst du in dieser Welt oder fängst du etwas Neues an?
Ich schreibe tatsächlich schon an dem zweiten Band. Das Schwierigste ist es, eine konsistente Welt zu erfinden. Wenn sie einmal im Hirn ist, entwickelt sie sich von selbst weiter.
Was wünschst du dir von einer Seite wie BuchKnall, als Leser und als Autor?
Gedankenaustausch! Das wäre großartig.
Das Interview wurde im Oktober 2026 schriftlich geführt. Die Fragen stellte Steffen Vogt für BuchKnall, die Antworten stammen von Reinhold Zitzlsperger.