Konzept

Erststeiger-Zivilisation

Die Erststeiger-Zivilisation, im Englischen First Movers, ist die erste Spezies einer Galaxis, die ins All aufsteigt. Sie spielt eine Schlüsselrolle in der Debatte um das Fermi-Paradoxon.

Wenn Leben im Universum häufig ist, dann muss irgendeine Spezies die erste gewesen sein, die den Sprung von ihrem Heimatplaneten in den Weltraum geschafft hat. Diese hypothetische erste raumfahrende Kultur nennt man Erststeiger-Zivilisation oder mit dem englischen Begriff First Movers. Das Konzept ist ein wichtiger Baustein in der Diskussion um das Fermi-Paradoxon, also um die Frage, warum wir trotz der unzähligen Sterne und mutmaßlich vieler bewohnbarer Welten keinerlei Spuren außerirdischer Zivilisationen sehen.

Der Gedanke ist folgender. Eine Zivilisation, die nur ein paar Millionen Jahre Vorsprung hat, ein kosmisch winziger Zeitraum, könnte längst die gesamte Galaxis durchdrungen haben. Selbst mit Antrieben weit unterhalb der Lichtgeschwindigkeit ließe sich die Milchstraße in wenigen Millionen Jahren besiedeln, wenn man von Welt zu Welt springt und sich unterwegs vermehrt. Die ersten, die diesen Schritt tun, hätten also einen enormen strukturellen Vorteil. Sie könnten die besten Ressourcen sichern, Regeln aufstellen oder schlicht jeden Konkurrenten verdrängen, bevor er überhaupt entsteht.

Daraus entstehen mehrere mögliche Auflösungen des Paradoxons. In einer optimistischen Lesart wären die Erststeiger längst da und hätten die Galaxis bereits geformt, vielleicht auf eine Weise, die wir nicht erkennen. In einer düsteren Lesart hätten die First Movers ein Interesse daran, jede neu aufkommende Konkurrenz frühzeitig auszuschalten, was zur sogenannten Dunkler-Wald-Hypothese führt. Liu Cixin hat dieses Bild in seiner Trisolaris-Reihe zu einer kosmischen Schreckensvision verdichtet, in der das Schweigen des Alls die rationale Folge eines tödlichen Wettbewerbs ist.

Es gibt aber auch eine entwarnende Möglichkeit. Vielleicht sind wir selbst die Erststeiger, jedenfalls in unserem galaktischen Umfeld. Wenn die Bedingungen für komplexes Leben extrem selten sind oder erst seit kurzer kosmischer Zeit gegeben, könnte die Menschheit zu den frühesten technischen Zivilisationen überhaupt gehören. Das Schweigen des Himmels wäre dann kein Rätsel, sondern schlicht die Folge davon, dass die anderen noch nicht so weit sind oder gerade erst entstehen.

Für die Science-Fiction ist das Konzept ein dankbares Spielfeld. Es erlaubt Geschichten über uralte Vorläuferzivilisationen, über die Verantwortung der Ersten und über die beklemmende Möglichkeit, in einem leeren Haus die einzigen Bewohner zu sein. Ob die First Movers Wohltäter, Wächter oder Jäger sind, bleibt offen. Genau diese Offenheit macht den Begriff zu einem der spannendsten Werkzeuge, mit denen das Genre die große Stille des Alls bearbeitet.